Talking Grades

Manchmal hat das Englische aber auch schöne griffige Formulierungen. „Talking something“ ist zum Beispiel eine solche. Mir fällt keine ebenso knackige Wortgruppe im Deutschen ein. „Grade betreffend“? Na ja, ganz schön müde für meinen Geschmack.

Zum Thema:
Ich halte mich selbst für einen lausigen Boulderer. Ich habe mit dem Bouldern im Oktober 2009 begonnen. Ein Freund nahm mich mit in eine kleine Vereinshalle, die Boulderbox im Dresdner Felsenkeller. Die gibt es zwar noch, sie ist aber nach meinem Kenntnisstand, am Aussterben, da die Initiatoren nun eine erfolgreiche kommerzielle Boulderhalle in Dresden führen, welche sich Kletterarena nennt und dem Rest des Vereins ein bisschen das Know-how im Routenbauen fehlt. Das Thema Unsportlichkeit habe ich ja bereits angesprochen, aber damals habe ich mich wirklich Fb 3er hochgequält. Durch meine Körperlänge bin ich ziemlich schwer (ca. 83 Kg) und verfügte nicht über die erforderlichen Muskelkräfte, um mich in solchen Graden an der leicht überhängenden Wand zu halten, vorallem Sitzstarts waren mir unmöglich. Ich hatte zwar zuvor schon mehr Sport gemacht als zu Schulzeiten, aber der half mir hier nicht weiter.
Doch das Bouldern hatte mich gepackt und ich war von dieser Sportart so begeistert, dass ich zum Teil fünf mal die Woche in der Boulderbox trainierte. Es fielen die gelben Routen, dann folgten die orangenen und ich kam am Ende meiner Vereinszeit sogar manche blaue Linie hoch. Das Ende der Fahnenstange lag ungefähr bei Fb 5B und damals schraubte noch Jürgen Schmeißer, der für seine angemessenen bis harten Bewertungen schon aus seinem Kletter- und Boulderführer Ostsachsen bekannt war.
Die Mitgliedschaft dauerte insgesamt ca. zweieinhalb bis drei Jahre, das genaue Datum habe ich nicht mehr im Kopf. Danach folgte eine Zeit des ständigen Wechsels der Trainings- und Klettersituationen. Auslöser waren meine ersten Schritte am Naturfelsen und eine damit einhergehende Leidenschaft für das Chrashpadbouldern. Mein Bruder hatte sich eins gekauft, weil es im Sonderangebot war, hat es aber nie benutzt. Irgendwann übergab er es an mich, da bei mir deutlichere Ambitionen zu erkennen waren, das Möbel auch einzusetzen. Damit hatte ich mein erstes Crashpad, ein Quarter Pounder von SNAP. Diese Landehilfe ist auf den ersten Sturz toll, aber schon bei den nächsten kommt man schnell mal die Nachteile zu spüren. Aber darüber schreibe ich in einem anderen Artikel.
Ich tobte mich erstmal ganz in der Nähe meines Wohnortes in einem ehemaligen Sandsteinbruch aus. Diesen Spot hatte ich im oben genannten Führer von Jürgen Schmeißer gefunden. Dort reichten die Schwierigkeiten von 3-6C. Es waren ein paar hübsche Probleme dabei, aber es fehlte ein bisschen an eher dreidimensionalen Problemen, da man praktisch immer nur glatte Wände hochstieg. Die eine 6C war ein Dynamo (Sprung) der für mich aber viel zu leicht war. Ein anderer 6B-Dyno (diesmal passt der Grad) wartet noch auf seine Vollendung. Diese Dinger sind dort sehr schwierig, da es kein Topout gibt und der Absatz zu dem man springen muss immer sehr sandig ist und daher man beim Springen die Augen schließen sollte. Bis man dann auch den Zielgriff „sauber“ gesprungen hat, dauert es eine ganze Weile, da die Wandhöhe putzen nicht zulässt.
Nach einer Weile wurde ich der sehr vertikalen Kletterei mit vielen Rissen im Sandsteinriegel überdrüssig und ich suchte nach neuen Spots, die mehr dem Bouldern, wie ich es aus der Halle kannte, nahekamen. Ich machte mich auf in die Dippoldiswalder (kurz: Dippser) Heide. Sie war zwar etwas weiter entfernt, aber trotzallem noch gut erreichbar und bot interessantere Boulderprobleme. Obwohl auch dort teilweise in Sandsteinbrüchen geklettert wird, sind die Strukturen doch abwechslungsreicher und bieten interessante, meist technische Aufgaben. Dort geschah dann auch ein für mich bedeutender Moment: ich konnte meine erste outdoor 6A klettern. Es war eigentlich nur ein hässlicher Sitzstart zu einer scharfen Leiste, aber ich brauchte gut drei Stunden, um das Problem zu lösen, wo ich meine Füße platziere und dann meine ungünstig langen Beine hinfalte. Aber auch dieses Gebiet ist schnell erschöpft und außerdem, wegen der unzähligen Mücken wirklich nur in kalten Monaten zu genießen. So pendelte ich einige Zeit hin und her, habe in Dresden auch mal ein bisschen Buildering gemacht (Bouldern an Gebäuden und Brücken), aber irgendwie stagnierte es ziemlich und ich kam auch nicht dazu noch eine 6A zu punkten. Zwischendurch habe ich auch in Ermangelung eines Kletterpartners mit Solotopropen angefangen, hatte aber bald aufgrund des überbordenden Ausrüstungsaufwands es wieder gelassen. An Sportklettereien kam eine 6b+ dazu und andere 6er aber ansonsten war es eher eine mäßig erfolgreiche Zeit.
Das Problem lag darin, dass ich nach einer Weile in der Halle entweder kein Geld mehr hatte oder wieder raus an den Felsen wollte. So stellten sich irgendwie keine spürbaren Verbesserungen ein und als ich nach einer längeren Zwangspause wegen wochenlanger sintflutartiger Regenfälle das erste mal am Felsen war, ging eigentlich gar nichts mehr.
Doch in diesem Jahr änderte sich einiges zum Positiven. Ich meldete mich bei der lokalen Kletterhalle ab und kaufte mir ein Fingerboard, präzise gesagt ein Beastmaker 1000. Im Fitnessraum der Hochschule begann ich nun mich mit diesem wirklich schön ausgearbeiteten Holzbrett meine Finger platt zu machen. Ich habe es jetzt sogar im Urlaub mit, aber momentan muss doch die Tischkante herhalten, da ich noch keinen geeigneten Platz zum Aufhängen gefunden habe. Was ich beobachten kann ist folgendes. Die Finger halten am Felsen wesentlich länger durch bzw. erholen sich schneller. Mittlerweile, nach ca. anderthalb Monaten wöchentlich zwei- bis dreimaligen Training an der Fingerleiste steigt auch die Maximalkraft der Finger deutlich. Nun kann man am Felsen auch mal beherzt in ein Zweifingerloch fassen, ohne gleich Angst zu haben, dass man sich berufsunfähig macht.
Einen letzten Punkt möchte ich noch ansprechen, um diesen langen Beitrag endlich noch ein bisschen zu verlängern. Ich habe nahe Pirna bei Dresden ein tolles Sandsteingebiet entdeckt, was ich in etwas mehr als einer Stunde per Bus und Bahn erreichen kann: das Bahratal. Ich bin diesbezüglich in einem neuen Himmel angekommen, da dieses kleine Bouldertal wirklich vieles bietet, was das Herz begehrt. Findlinge, Wände, Überhänge, Dächer, Sloperboulder, Leisten, Fingerlöcher; es ist einfach alles dabei und ich habe bis jetzt erst einen Bruchteil entdeckt.
Einen Großteil der Boulder findet man auf www.gulag-online.de. Obwohl die Karten genauer sein könnten, findet man nach einigem Suchen die schönen Spots. Die Kletterei ist dort sehr athletisch und technisch offensichtlicher, daher mag ich diesen Ort jetzt schon. Die Bewertungen sind zum Teil sehr unterschiedlich. Ich habe schon einer (sehr leichten) 6A einen Onsight abgerungen und hatte fast noch eine 6B in der Tasche, die mir von den Zügen richtig gut gefiel. An anderer Stelle wirft ein so mancher 5C-Überhang mit solcher Impertinenz und dicken Unterarmen ab, dass man ins Grübeln kommt. Das soll nicht heißen, dass ich an den Schwierigkeiten zweifle, ist ja eh nur für die persönliche Bauchmietzelei. Ich kann aber sagen, dass ich in diesem Tal noch einige schöne Stunden verbringen werde.
Damit ist ein erster Überblick gegeben, was meine persönliche Leistungsgrenze im Moment ist und ich wiederhole mich: ich bin ein lausiger Boulderer, aber eine 7A werde ich schon irgendwann noch aus mir rauspressen und auf diesen Moment freue ich mich jetzt schon, weil ich weiß, was man mit Geduld und Gelassenheit alles erreichen kann.

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