Kasachstan V

Nun haben wir unseren Wahlheimathafen Almaty wieder erreicht. Nach vielen spannenden Etappen und meistens abwesender WLAN-Verbindung und QUERTZ-Tastaturen bei entsprechenden Geräten mit Internetzugang, aber auch wegen Krankheit und anderer Probleme mangelnder Lust am Schreiben, habe ich mich wieder aufgerafft und möchte weiter berichten, hoffentlich ohne wieder allzu sehr in bestimmte Problemthemen abzugleiten, die mich mit meinem Vaterland, welchem ich weiterhin meine ganze Heimatliebe schenke, verbinden.

Als erste Reisestation war von den Eltern meiner Freundin, die mit einem erstaunlich ausgearbeiteten Reiseplan aufwarteten, DER Canyon „Чарын“ (gesprochen: Tscharin) auserkoren worden. Dieser ist tatsächlich ein waschechter Canyon, wie man ihn aus dem amerikanischen Bundesstaat Arizona kennt. In seiner Ausdehnung erheblich kleiner als der Grand Canyon ist er wie dieser eine weltweit äußerst seltene Gesteinsformation, die sich 80 km entlang des namengebenden Flusses entlang zieht und einen beeindruckenden trockenen Nebenarm mit unterschiedlichsten bizarren Steingebilden, genannt „Tal der Schlösser“ aufweist, der am häufigsten von Touristen besucht wird. Im Flussteil ist Rafting sehr beliebt.
Er liegt ca. 200 km von Almaty entfernt und man denkt nun erstmal, dass dies ein Katzensprung sei, aber schnell wird man eines besseren belehrt. In deutschen Autobahnverhältnissen ist das je nach Fahrstil eine ein- bis zweistündige Fahrt auf herrlichsten zwei- bis dreispurigen Asphaltmajestäten. In Kasachstan kann sich so eine Entfernung schnell als eine Tagesreise herausstellen, da, sobald man die Großstadt verlässt, sich Landstraßen einstellen, die mit der erlaubten Höchstgeschwindigkeit von 110 km/h kaum zu meistern sind. Man versteht schnell, warum gerade in Almaty jedes zweite Fahrzeug nicht nur ein SUV sondern ein ausgewachsener Jeep ist, meistens mit einer Motorisierung die jedes europäische Männerherz höher schlagen lässt. Schlaglöcher, Bodenwellen, Randabbrüche, Spurrillen und vieles mehr in zum Teil skurrilen Ausmaßen. Man wird geschüttelt, gerüttelt und gestaucht und hat manchmal das Gefühl eher an einer Rallye teilzunehmen, aber hier ist es der Alltag. Manche Straßen sind in so schlechtem Zustand, das man sich einfach für die Steppe daneben entscheidet. Nach einer 6000 km Reise durch das Land, so wusste der Vater zu berichten, darf man schonmal getrost einen kompletten (!) Satz Stoßdämpfer einplanen, wenn man bei der jährlichen Hauptuntersuchung die Stadtzulassung für sein Fahrzeug erhalten will.
Die Straßenbeschaffenheit hat aber auch einige Vorteile. Man wird zum Beispiel nicht so schnell müde, wenn man mal von den Schmerzen im Rücken absieht, eine lange Fahrt ist dadurch tatsächlich interessanter, weil an vielen Stellen der Adrenalinspiegel zumindest bei mir deutlich erhöht wurde und vielleicht das wichtigste: ein Mann kann noch ein richtiger Mann sein! Tatsächlich trauen sich wenig Frauen auf Überlandstraßen, man konnte sie in der ganzen Zeit an einer Hand abzählen, was in der Stadt nicht der Fall war. Die Cowboys oder eher Steppenreiter, denn so viele Kühe gibt es hier gar nicht, haben das Pferd gegen den Offroader getauscht. Die beidseitig meistens einspurigen Überlandstraßen verlangen also zum Teil höchste Konzentration, gesundes fahrerisches Können und manches Überholmanöver eine erhebliche Portion Mut, um den eigenen hüpfenden Wagen mit wenig Platz an stark schwankenden, zügigen LKW-Kolonnen vorbeizulenken.
Die Eltern hatten auf der Hinfahrt noch eine Besonderheit eingeplant. Wir fuhren in einem Dorf vorbei, welches ausschließlich von Uiguren, eine kleine staatenlose Volksgruppe, vom Status mit den Sorben zu vergleichen, bewohnt wird. Zunächst wurden wieder mal äußerst gastfreundlich empfangen. Obwohl wir mehrmals beteuerten, dass wir schon gegessen hatten, wurden wir in die für kasachische Dörfer typisch einstöckige Behausung geführt, ein klassisches, weißgetünchtes Haus mit hübsch verzierten, blauen Fensterrahmen, ähnlich den slawischen Häuschen aus den alten russischen Märchenfilmen. Natürlich war das Haus sichtlich älteren Datums, aber in einem guten Zustand. Gleich angebaut war eine Veranda und ein kleiner Stall mit ein, zwei Kühen und anderem Kleinvieh, dahinter erstreckte sich ein langgezogener Garten und gegenüber, alles mit einem überdachten Platz verbunden, ein vierröhriger Backofen. Das Haus war innen außer natürlich in der Küche durch zahlreiche, reich ornamentierte Teppiche an den Wänden eher dunkel gehalten. Diese erfüllten neben der Präsentation auch eine wichtige, sinnvolle Funktion, nämlich ähnlich wie in einer Jurte, dem traditionellen kasachischen Zeltbau, die Klimatisierung des jeweiligen Raumes. Im kalten Winter war es angenehm warm und im heißen Sommer wie derzeit auch entsprechend kühl.
Als wir das Haus betraten, wurden wir vom Hausherrn in das Wohnzimmer geführt. Im anderen Teil des Hauses leichte Umtriebigkeit unter den Damen des Hauses ein und alsbald war der niedrige Tisch, um den wir herum auf dem Teppich saßen, mit allerlei einladenden Speisen und Getränken gedeckt. Weitere Einwände gegen die Nahrungsaufnahme wären nicht nur sinnlos, sondern auch unhöflich gewesen und so waren wir also angehalten wenigstens von allem, was wir uns zutrauten nicht zu wenig zu probieren. Es gab frische Kuhmilch (ohne jegliche Behandlung!), gesalzenen Tee, Nudeln mit Rindfleisch und Gemüse und vieles mehr. Bis auf die Getränke waren alle Speisen aus eigener Herstellung und vieles war mir zuvor unbekannt.
Der Höhepunkt war ein Besuch bei einer Dorfbäckerei, die das traditionelle Fladenbrot zubereiteten. Leider habe ich dieses Ereignis nur per Video festgehalten, aber nach dem Urlaub werde ich sicherlich daraus einen kleinen Film schneiden und hier verlinken. Momentan fehlt mir auch die Zeit das Ereignis weiter zu beschreiben, da Internet gerade eher selten ist.
Nach diesem Besuch ging es weiter zum Charyn Canyon.

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