Die Auslage,

übervoll vor der beginnenden Woche, sprang mich an und ich hatte Mühe auszuweichen. Kurz nach Öffnung waren der Bäcker und das nach Rorschach angelegte Bistro schon fast bis auf den letzten Platz besetzt. Ein Kollege an der Theke, das Obligat des stummen Nickens, welches an so übersichtlichen Studieneinrichtungen wie der unseren nicht beiläufig, sondern chronisch, an eine spastische Zwangshandlung erinnernd, sich zwischen uns, aufgrund näherer Bekanntschaft, allerdings mit Verschmitzheit gewürzt, vollzieht.

Wieder muss ich feststellen, dass es mir unmöglich ist, etwas halbwegs verständliches zu Wege zu bringen, wenn sich eine Gruppe von Personen, diesmal Asiaten, in ein Zugabteil begeben.

Zunächst muss der Raum mit erhöhter Sprachlautstärke ausgeschallt werden, Fledermäusen gleich, bevor man sich darin verortet hat und fehlerfreie Navigation möglich ist. Andere Vertreter sind ausschließlich auf Sicht zur Bewegung fähig, welche letzterer aber immer vorangestellt sein muss. Somit kommt es zu einer deutlichen Latenz bei Gewahrwerden der neuen räumlichen Situation, 50 Zentimeter nach Türeintritt. Dahinter werden Auren unschön bis zum letzten Chakra aufgestaucht.

Die asiatische Gruppe ruht im Kofferbaldachin vor sich hin, die Dualität Nünchritz zieht vorüber. Es ist unmöglich den Kopf nur zu einer Seite zu richten, zu einnehmend diese Laune städtebaulicher Natur. Dazu noch – wie gern schaue ich in ein schlafendes Gesicht, auch hier Nünchritzer Verhältnisse. Auf Kissen gebettet, ein Augenschmauß, fast endlos erscheinendes Vergnügen in den Zügen des anderen zu flanieren, auf der Haut spazieren gehen, auf einer Wimper Beine baumelnd sitzen, sich im Mundwinkel oder einer Lippenfalte wohlig einzunisten. Hingegen in den Zügen dieser Welt, ausgenommen durch zentralasiatische Horizonte donnernde, russische Schlafwagen, welche sich übrigens hervorragend für ein Melonenfrühstück eignen, ein ins Gegenteil verkehrte Bild. Aufgrund mangelnder Sitzergonomie kleinlicher Platzeinsparungen, rutschen die Schultern der Platzgenommenen im Schlummer nach vorn unten, der Kopf kippt nach hinten, bis er Halt an einer lotrechten, mäßig gepolsterten Ebene findet und selbst die schönsten Schwanenhälsen unserer Nation werden durch die Nackenverhärtung in unansehnliche Breite gedrückt, Kehlköpfe und Adamsäpfel ungehemmt entblößt. Das Gesicht, analog dazu, entgleitet in der unteren Hälfte in höchst unansehnliche Erschlaffung der Mund- und Kinnpartie. Während Ober- und Unterlippe, einem Sterbenden gleich, welcher letzte Worte herauswürgt, aneinander vorbeischmieren und dabei Zahnreihen in unterschiedlichster Anatomie freilegen, flieht die Stirn, Augenbrauen im Schlepptau, in Richtung Haarkante. Zu guter Letzt schlingert diese Komposition von Ungünstigkeiten durch die eine Zugfahrt begleitenden Schwingungen leicht hin und her, rollt bei Gleiswechsel durch mangelnden Seitenhalt des Schädels auf der Ebene derb von einer Seite auf die andere und zurück. Das Ergebnis sind jeglicher Liebenswürdigkeit beraubte Gestalten, innig Geliebte werden zu Wiedergängern.

In Leipzig angekommen probt die Reiterstaffel den Aufstand oder besser seine Niederreitung und trabt trostlos am Straßenrand entlang. Ich muss an Ola Norweger denken, wie sein Schädel knackt als Napoléons Gaul eisenbeschlagenen Hufes aus Versehen drauftritt.

aus Reise ohne Wiederkehr

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