Lieber Andreas,

unseren kleinen kulturkritischen Diskurs befeuernd, möchte ich in den Raum werfen, dass wir zunächst die Grundlage unser beider Thesen weiter erläutern müssten. Ich stimme dir zu, dass Kultur zunächst alles vom Menschen geschaffene einschließt, dessen Bandbreite hier zu erörtern mir etwas  müßig erscheint. Doch mit dieser Breite hat sich ganz entschieden auch die Rezeption von dem geändert, was wir heute als werte oder unwerte, du nanntest es Trash, Ausflüsse menschlicher Schöpfung betrachten. Das klingt nach Drittem Reich und diesen Klang müssen wir ertragen, sind es doch die Vokabeln, mit denen unser Gehirn und unser Gemüt täglich hantiert und darauf Entscheidungen gründet. Einzig die Auslegung dieser Beschlüsse trägt, haben wir einst die humanistische Krabbelgruppe durchlaufen, weniger faschistoide Züge. Wir differenzieren Kultur also geschmacklich aus, die Ausgesonderten werden aber, Geschichte sei dank, nicht deportiert, verbrannt oder anderweitig der Vernichtung preisgegeben, sondern mit gesunder Ignoranz ihrem Fortbestehen überlassen.

Worauf soll man also den Fokus richten, um Kultur im Sinne unserer kleinen Debatte einer Kritik zu unterziehen? Mein bescheidener Vorschlag wäre das Augenmerk auf die Charakterbildung zu legen. Die sehen wir gern mit dem Erhalt diverser Schulabschlüsse und dem Eintritt in das Erwachsenenalter beendet. Es wäre nicht die erste fatale Verwechslung zwischen Ende und Stillstand, ähneln sich doch diese beiden Zustände in ihrem Momentum, nicht aber was ihren Horizont angeht. 

Entwicklungs- oder nennen wir sie Bildungsprozesse laufen ja immer wieder ähnlich ab: Außenreiz, Reizpotential, Reaktion, Bewegung, Veränderung. 

Wenn ich nun feststelle, dass Überforderung ein wesentlicher Bestandteil von Entwicklung ist, sei mir  der Rückschluss auf die Schule des Charakters erlaubt, dass ein gesundes Maß an Unverstand und Wissbegierde unverzichtbar ist, um den Menschen an sich, aber auch die Kulturevolution voranzubringen. Kultur entsteht für mich somit grundlegend aus den sich gegenseitig ernährenden Zuständen des zum einen Nicht-wissens oder Nicht-verstehens und zum anderen Verstehen- oder Wissen-wollens. Der Austausch dazwischen ist für mich der Indikator, ob eine, ich bleibe bei der menschlichen, Schöpfung, einen irgendwie gearteten Wallungswert besitzt.

Sitze ich also in einem Kino, lese ein Buch, besuche eine Galerie oder das Theater, so muss das mir dargebotene diesen Lakmustest mit irgendeiner Farbänderung bestehen, mich oder besser meinen Denkapparat, aber auch, sonst könnte ich mich stattdessen in eine Vorlesung eines meiner Saxophonschüler, welcher sich als Professor für Verbrennungsmotorentechnik verantwortlich zeichnet, setzen, meine seelische Empfindungsfähigkeit anregen. Passiert dies im positiven, nennen wir es basisch, so verfärbe ich mich nicht blau, aber ich fühle mich angenehm erregt von der Schönheit eines Bildes, der gekonnten Formulierung eines Satzes, bin überzeugt vom Spiel des Darstellers und genieße indem die angenehmen Seiten der Kultur; hingegen rot verfärbt sich mein Papierstreifen, wenn ich auf Türen stoße, welche mir nicht sofort Einlass gewähren. Hier ist das Maß an Überforderung zum Teil unerträglich groß, das Werk wirkt sperrig, sträubt sich gegen ein Verständnis. Warum? Ich kann die Kreation nicht erfassen, es gibt kaum Anknüpfungspunkte an meinen Erlebnishorizont, die Leinwand ist an dieser Stelle weiß. Jetzt bin ich in meiner Funktion als Kulturrezipient gefordert und es ist nicht meine Kompetenz, welche hier abgefragt wird, sondern einzig und allein, ob ich den Verständniswille aufbringe und mit der Welt des Erzeugers Kontakt aufnehme, welche hinter einer noch unüberschrittenen Hügellinie liegt.

Die Gemengelage des aktuellen Unterhaltungskinos, um auf unser eigentliches Thema einzuschwenken, lässt mich zurückschrecken, ob der Tatsache, dass mit Budgets im dreistelligen Millionenbereich das banale, beliebige und permanent unterfordernde selbst auf der einfachsten Verständnisebene des Menschen, der visuellen, breiten Einzug erhalten hat. Dagegen muss man nicht weiter Sturm rennen, klingelt doch in den Kassen das Geld derer, welche nach getaner Arbeit ihr Übriges dorthin tragen, um sich von der Bildgewalt der Leinwand mitreißen zu lassen. Die Heere marschieren auf, die Planeten fliegen an uns vorüber, fantastische Städte und Reiche von bisher ungeahntem Detailreichtum erstehen vor uns, Material, so weit das Auge reicht. Aber schon wenn Personen und Charaktere gezeichnet werden sollen, wird selbiges dünn und Stereotypen werden bedient. Die Schauspieler erleiden das gleiche Schicksal, ihr Material, Sprache und Gestus, wird eingedampft auf Einstellungen mit vielleicht bildhauerischem Mehrwert, Nahaufnahmen, bei denen die gereifteste darstellerische Leistung ein nachdenkliches Runzeln von Augenbrauen sei, Dialoge verkommen zu Schlagwortverzeichnissen.

Lass uns für einen kurzen Moment den schon genannten „Herr der Ringe“ und seinen Nachfolger „Der Hobbit“ hinzunehmen. Von den leisen Tönen der Vorlage ist fast nichts erhalten geblieben, Martialis und Pathos, ist, was sich auf die Leinwand retten konnte und beim nachfolgenden Werk meinte man, dieses Erfolgskonzept noch ein wenig ausdehnen zu können und griff ohne Achtung vor dem Gesamtwerk Tolkiens in die ursprüngliche Geschichte, welche nur für ein relativ dünnes Buch gereicht hatte, ein. Das Ergebnis war eine Kaskade dessen, was sich schon im Vorgänger angedeutet hatte. Eine Aneinanderreihung geistloser Materialschlachten, eine fade Welt, welche sich eben nicht nur durch ein paar heimliche, in Grashügel gegrabene Gartenlauben und überschwengliche Kamerafahrten durch National Geographics schönste Berglandschaften erklären lässt, dazu plumpe Puppentheatercharaktere. War der Herr der Ringe zumindest filmtechnisch noch etwas Ungesehenes, so zeigte sich im Hobbit die ganze Fahlheit des Konzepts Fantasyfilm. Doch als das visuell Unerhörte den Zauber der ersten Stunde verloren hatte, schlug die dürftige Bearbeitung des Stoffes durch und erfuhr ihre völlig gerechtfertigte Bepreisung. Toller Ton, tolle Kostüme, tolle Kulisse, tolle Musik und die Effekte! Schauspielerische Leistung, Drehbuch, Regie? Dieses traurige Resümé lässt sich leider bis heute bei vielen großen Kinoproduktionen ziehen und übertragen in andere Sparten der Filmkunst. Glücklicherweise finden sich in den Programmkinos wohltuende Ausbrüche, im Fernsehen und da besonders im Seriengeschäft ist hingegen mit längeren Wartezeiten auf seismisch Signifikantes zu rechnen. Mit „Fargo“ ist seit dem letzten Ausbruch wieder etwas Zeit vergangen, aber es lässt die Hoffnung nicht vollständig ersticken.

Ich muss noch einmal betonen, dass ich mich hier nur auf die lakmusgetesteten Basen beziehe, rotgefärbte Überforderung auf der Leinwand, und dabei meine ich nicht die des Nervenkostüms oder des Magenbereichs im Metzgerfach der Filmkunst, ist mir zuletzt im deutschen Autorenkino begegnet, viele Sachen davon sind aber in die Jahre gekommen. Dabei bewundere ich immer wieder mit welchem Mut und rigeroser Ablehnung jeglicher Anbiederung an Verkaufszahlen oder Publikumsgeschmäcker besonders in den Jahrzehnten vor der Jahrhundertwende manche Filmemacher zu Werke gegangen sind. Da wird permanent von der Leinwand herab eingefordert, die Besetzung des Kinostuhls will genauso hart verdient sein, wie die Hervorbringung dessen, was schließlich unsere Netzhaut berührt und das Werk bleibt unvollständig, wenn nicht auf beiden Seiten fleißig zugearbeitet wird. Das braucht man zugegebenermaßen nicht, wenn man gerade aus einer 40-Stunden-Woche kommt und die Seele von der Sesselkante baumeln lassen möchte, aber im richtigen Maß können solche Filme das eigene Fühlen und Denken in gesunde Wallungen versetzen und die Stunde, da der geistige Rollator hinzugezogen werden muss, hinauszögern.

Eine Orientierung auf der Messlatte nach unten, du deutetest es bereits an, ist ohnehin obsolet, Horizonte lassen sich nur erweitern oder werden zugebaut. Zugegeben, Kurzsichtigkeit ist leider nicht nur ein Augenleiden, aber durch Distanzverringerung ebenso zu beheben, wie durch eine Sehhilfe.

Mit diesem kryptischen Gefasel möchte ich diesen Beitrag zu unserer Debatte beschließen und sehe deiner Dreingabe mit Spannung entgegen.

Im Übrigen ist die ausgedehnte Antwortzeit meinerseits mit zwei lästigen, gleichzeitig sich meines wenig wehrhaften Fleisches bemächtigenden Krankheiten, nun im Ausklang begriffen, zu begründen. Deiner Nachsicht sicher, grüße ich dich allerherzlichst.

Dein Albrecht 

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