Jede Gruppe in dieser wunderlichen Prozession

hatte ihre eigne Musik. Die Zigeuner ließen das Tamburin tönen. Die Rotwelschen, eine sehr unmusikalische Rasse, begnügten sich noch mit der Viola, dem Horn und der gotischen Rubeba des zwölften Jahrhunderts. Das galiläische Kaiserreich war nicht viel weiter fortgeschritten; kaum daß hier und da eine elende Ribeca aus der Kindheit der Kunst ihr re-la-mi hören ließ. In der Umgebung des Narrenpabstes aber vereinigten sich alle musikalischen Errungenschaften des Zeitalters zu einer Vollendung des Mißklangs.

aus Notre-Dame von Paris, Victor Hugo

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Er fuhr so leichtsinnig

mit der Hand in den Beutel, daß sie vor ihm stehen blieb. „Teufel!“ sagte der Dichter, als er in der Tiefe seines Beutels auf die Wahrheit stieß, das heißt auf gänzliche Leere. Das hübsche Mädchen aber stand vor ihm, sah ihn mit ihren großen Augen an, hielt ihm das Tamburin hin und wartete. Gringoire rann der Schweiß in großen Tropfen von der Stirn.
Hätte er das Land Peru im Beutel gehabt, er hätte es der Tänzerin gegeben; aber Peru war nicht darin, und Amerika war noch nicht einmal entdeckt.

aus Notre-Dame von Paris, Victor Hugo

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Ein Kind steht,

hält die Stäbe seines Gatters fest. Nicht um sich freizubrechen, als Stütze um den Blickwinkel zu wechseln. Alles Sichtbare verjüngt sich, links ein Schrank oder etwas aus Holz, irgendwo ist auch Rot, eine dünne Decke. Der Saum ist umgeschlagen und vernäht, eine Mischung aus orange und unweiß, seltene Ornamente. Das Zimmer ist in ein Licht gehüllt, was ich lang nicht mehr gesehen habe; etwas funzelig mit viel Gelbanteil.
Die Tür öffnet sich, dahinter Dunkel und zwei Personen betreten das Zimmer und mein Herzschlag beschleunigt sich auf der Stelle. Es ist Freude. Ein großer, nicht zu schlanker Mann, eine schlanke Frau mit langen, braunen Haaren, welche ihr glatt über den Rücken fallen, er hat eine Gitarre umgehangen. Nicht ganz nah beginnt er zu spielen, Tonika, Dominante, weicher Klang, ihre Stimme klingt dazu. Wie eine der Saiten, leicht, eine der durchsichtigen. Sie beugt sich zu mir herunter.

„Schlaf Kindlein, schlaf; der Vater hüt‘ die Schaf. Die Mutter schüttelt’s Bäumelein, da fällt herab ein Träumelein. Schlaf Kindlein, schlaf. Schlaf Kindlein, schlaf.“

Einmal erzählte mir eine ältere Dame im Zug vom Leben ohne ihren vor Jahren verstorbenen Mann. Sie reiste nun auf den Spuren ihrer Vorfahren und der eigenen Kindheit, Vertriebene im Krieg.
Benutzte im Ausklingen unseres Gesprächs, welches durch ihre Station beendet sein wird, eine für mich merkwürdige Formulierung. „Schöne Zeit.“ Ihre Kindheit, frühe Jugend.

„Das war schöne Zeit.“

Ich sehe es direkt vor mir. Geruch von Polstermöbeln, Holzschränken; Bücher riechen so, wenn sich ihre Seiten verfärben, auch der Klang einer Gitarre und dieses Licht.

Jeder Schmerz hatte da noch keinen Anfang. Man hätte sterben können, doch

Das war schöne Zeit.
aus Reise ohne Wiederkehr

Sie hat auf ihren ganzen Überfluß

an Martern, alle ihre mit erfinderischer Einbildungskraft erdachten Strafen, ihre Tortur, die im großen Brückenschloß alle fünf Jahre eine neue Folterbank nötig machte, verzichten müssen; sie ist von Gesetzbuch zu Gesetzbuch gehetzt, von Platz zu Platz getrieben, bis ihr in unsrem ungeheuren Paris nur ein entehrter Winkel des Grève-Platzes mit einer elenden, verstohlenen, verschämten Guillotine übrig blieb, die immer in Angst zu schweben scheint, man könne sie auf frischer Tat ertappen, so schnell verschwindet sie wieder, wenn ihr Schlag gefallen ist.

aus Notre-Dame von Paris, Victor Hugo

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Die Auslage,

übervoll vor der beginnenden Woche, sprang mich an und ich hatte Mühe auszuweichen. Kurz nach Öffnung waren der Bäcker und das nach Rorschach angelegte Bistro schon fast bis auf den letzten Platz besetzt. Ein Kollege an der Theke, das Obligat des stummen Nickens, welches an so übersichtlichen Studieneinrichtungen wie der unseren nicht beiläufig, sondern chronisch, an eine spastische Zwangshandlung erinnernd, sich zwischen uns, aufgrund näherer Bekanntschaft, allerdings mit Verschmitzheit gewürzt, vollzieht.

Wieder muss ich feststellen, dass es mir unmöglich ist, etwas halbwegs verständliches zu Wege zu bringen, wenn sich eine Gruppe von Personen, diesmal Asiaten, in ein Zugabteil begeben.

Zunächst muss der Raum mit erhöhter Sprachlautstärke ausgeschallt werden, Fledermäusen gleich, bevor man sich darin verortet hat und fehlerfreie Navigation möglich ist. Andere Vertreter sind ausschließlich auf Sicht zur Bewegung fähig, welche letzterer aber immer vorangestellt sein muss. Somit kommt es zu einer deutlichen Latenz bei Gewahrwerden der neuen räumlichen Situation, 50 Zentimeter nach Türeintritt. Dahinter werden Auren unschön bis zum letzten Chakra aufgestaucht.

Die asiatische Gruppe ruht im Kofferbaldachin vor sich hin, die Dualität Nünchritz zieht vorüber. Es ist unmöglich den Kopf nur zu einer Seite zu richten, zu einnehmend diese Laune städtebaulicher Natur. Dazu noch – wie gern schaue ich in ein schlafendes Gesicht, auch hier Nünchritzer Verhältnisse. Auf Kissen gebettet, ein Augenschmauß, fast endlos erscheinendes Vergnügen in den Zügen des anderen zu flanieren, auf der Haut spazieren gehen, auf einer Wimper Beine baumelnd sitzen, sich im Mundwinkel oder einer Lippenfalte wohlig einzunisten. Hingegen in den Zügen dieser Welt, ausgenommen durch zentralasiatische Horizonte donnernde, russische Schlafwagen, welche sich übrigens hervorragend für ein Melonenfrühstück eignen, ein ins Gegenteil verkehrte Bild. Aufgrund mangelnder Sitzergonomie kleinlicher Platzeinsparungen, rutschen die Schultern der Platzgenommenen im Schlummer nach vorn unten, der Kopf kippt nach hinten, bis er Halt an einer lotrechten, mäßig gepolsterten Ebene findet und selbst die schönsten Schwanenhälsen unserer Nation werden durch die Nackenverhärtung in unansehnliche Breite gedrückt, Kehlköpfe und Adamsäpfel ungehemmt entblößt. Das Gesicht, analog dazu, entgleitet in der unteren Hälfte in höchst unansehnliche Erschlaffung der Mund- und Kinnpartie. Während Ober- und Unterlippe, einem Sterbenden gleich, welcher letzte Worte herauswürgt, aneinander vorbeischmieren und dabei Zahnreihen in unterschiedlichster Anatomie freilegen, flieht die Stirn, Augenbrauen im Schlepptau, in Richtung Haarkante. Zu guter Letzt schlingert diese Komposition von Ungünstigkeiten durch die eine Zugfahrt begleitenden Schwingungen leicht hin und her, rollt bei Gleiswechsel durch mangelnden Seitenhalt des Schädels auf der Ebene derb von einer Seite auf die andere und zurück. Das Ergebnis sind jeglicher Liebenswürdigkeit beraubte Gestalten, innig Geliebte werden zu Wiedergängern.

In Leipzig angekommen probt die Reiterstaffel den Aufstand oder besser seine Niederreitung und trabt trostlos am Straßenrand entlang. Ich muss an Ola Norweger denken, wie sein Schädel knackt als Napoléons Gaul eisenbeschlagenen Hufes aus Versehen drauftritt.

aus Reise ohne Wiederkehr