Bleistift #1

Heimat, Jugendblick

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Ob ich jemals zu ihr vorgedrungen war?

Zweimal.

Ein paar Stufen im Dunkel, mir waren die Tränen gekommen, zuvor im Wagen, mit dem ich sie nach hause gebracht hatte. Über die Einsamkeit, das Unvermögen einen Menschen zu halten.

Was hatte sie wohl gedacht, als ich mich ihr anvertraute? Hatte sie danach gefragt? Und dann diese Wut, es war gegen mich gerichtet, aber ich richtete es gegen alles andere. Und doch saßen wir danach noch lange im Dunkel, lehnten unsere Körper aneinander und taten weiterhin nichts als gegenseitig über unsere Finger zu streichen. Den anderen in der Erfüllung eigener Bedürfnisse unterbietend, genossen wir in Millimetern.
Es war ihm unmöglich die Bewegungen in ihrer Zartheit zu erfassen und so meldete er nichts und wir blieben in der Dunkelheit des Treppenhauses behütet. Irgendwann vergaßen wir unsere Hände und überließen das Zögern und Erkunden anderen Spiegelungen.

Ich begriff damals nicht, dass das ihre geheimnisvollste und gleichzeitig wahrhaftigste Sprache war und sie es nie anders hätte sagen können. Wir verstanden uns. An unserem ersten Tag. Später wartete ich immer auf eine Übersetzung, mehr weil ich meine eigene Ausdrucksweise zu verstehen nicht gelernt hatte, als dass ich die ihre nicht verstanden hätte.
Verstand sie auch, als sie nach über zwei Jahren das einzige Mal weinte und schluchzend das letzte Mal hinter mir die Haustür ins Schloß drückte. Ich verstand es am nächsten Tag, ihr in Tränen getränktes, verzweifelt wiederholtes „Es tut mir leid“ in meinen Gefühlen rasend und ihre Augen von der sich schließenden Tür für immer verborgen. Da war sie in ihrer ganzen Schönheit. Am Boden hatten wir wieder zu unserer gemeinsamen Sprache gefunden.
Ich blieb den ganzen Tag in der Wanne eines guten Freundes und ließ das Salz meines Schmerzes sich mit dem Badewasser vermischen.

Wären wir doch bei den Spiegelungen geblieben, ich könnte in diese Augen schauen, jeden Tag.

„Wir haben keine Angst,

nicht vor euch. Ihr seid hier nur Gast. Wir reagieren nur noch.“ 
Die langen, strohigen Haare in Weiß zum Zopf gebunden, die blaue Latzhose, welche etwas kurz über den staubigen, ausgetretenen Sportschuhen endet, ein mit Farbe und Mörtelmasse beschmutztes Shirt, dringt er, die Plane seines Pritschenwagens hart zurückschlagend, als wäre sie eigentlich sinnloses Zierat, dessen er sich noch nicht entledigen konnte, wie ein hochgerüsteter Düsenjäger in den Schallbereich meines Radars ein.
Sicher die Kanonen sind verstaubt, die Raketen eingerostet; es bleibt ihm aber der Lärm seines räuspernden  Triebwerks, wie göttlicher Donner Vernichtung drohend. Ein vor Jahrzehnten ausgemustertes Kampfsystems, welches sich nur müde, aber entschlossen grimmig von einer einsamen, löchrigen, Gras durchsetzten Startbahn im Niemandsland einer Grenze, längst vergessen, abhebt, ohne zurückzukehren. Umarmt dabei die ganze Welt. Hier in Form einer riesigen Landkarte, welche er von der Ladefläche des Transporters hebt.

Verdutzt schaut der Angestellte des sudanesischen Bistros vor dem ich zum Essen Platz genommen hatte, aufgrund der für ihn scheinbar unverständlichen Attacke, deren Wirkung, das zeigt sein Blick, ihr Ziel dennoch nicht verfehlte.
Mein Blick meint Versöhnung, drückt aber vermutllich nur Fassungslosigkeit aus und das sich bewusst bunt und weltoffen gebende Viertel wird in diesem Augenblick in seine Provinz zurückgeschleudert, aus der es sich so angestrengt herausurbanisieren möchte.

Er wird zwischenlanden und lächeln, als er kurz darauf ein Fahrrad an zwei Englisch sprechende Inder verkauft.
Mir ist nach allem anderen zumute, ich muss an das eingenähte „Made in Cambodia“ in seinen Schuhen denken.

aus Reise ohne Wiederkehr 

„Verfluchte Straßenkreuzungen!

Der Teufel hat sie nach dem Bild seiner Gabel gemacht!“
Dieser Fluch erleichterte ihn etwas, und ein rötlicher Widerschein, den er gerade in diesem Augenblick am Ende einer langen, engen Gasse bemerkte, hob vollends seine Lebensgeister. „Gott sei gelobt!“ sagte er; „dort unten, dort brennt mein Strohsack.“ „Salve,“ fügte er fromm hinzu, „salve, maris stella!“
Richtete er dieses Bruchstück einer Litanei an die Jungfrau Maria oder an den Strohsack? Darüber sind wir völlig im Dunkeln.

aus Notre-Dame von Paris, Victor Hugo

Rechts rascheln

und grunzen die Wildschweine durch den umzäunten Forst im Dreieck zwischen Seidelkanal und Schwarzer-Graben-Kanal. Links vermischt sich das Rauschen der Autos mit dem entfernteren Dröhnen der Flugzeuge von Tegel startend zu Meereswellen aus Gummi auf Asphalt. Hier so eingepfercht zwischen Seidelstraße und gleichnamigem Kanal, auf einem 2,8 t Parkplatz, einer Baustelle mit Wackersteinbeilage wie Reis oder schlicht einem mit tiefen Pfützen, Kratern gleichend, übersäten, von der Straße durch Begrünung abgesetzten Streifen, zünde ich meine beiden Kerzen an und bin so wenig zuhause wie noch nie zuvor. Nach einer schnellen, aber zu meinem Erstaunen über meine doch allzu oft kümmerlichen handwerklichen Fähigkeiten, souveränen Reparatur meiner Kühlschranktür, welche sich, mit dumpfem „klonk“ von dem kleinen Schraubglas mit Kokosblütenzucker zur Demontage überreden ließ, als dieses bei zu hastigem Überfahren der Ablaufrinne am Parkplatz Ostseite Leipziger Hauptbahnhof aus dem oberen Küchenschrank fiel, nahm ich mir ernsthaft vor diese Augenblicke in denen meine fahrbare Bleibe einem unsanft zugeschlagenen, riesenhaften Besteckkasten gleicht, künftig zu vermeiden.
Das Zugfahrzeug macht bis jetzt einen soliden Eindruck, wenn schon sechsprozentige Steigungen nur mit wechselseitigem Heulen im Dritten und starker Drehzahlinkontinenz im Vierten gemeistert werden können. Kurz vor Berlin stellte sich dann aber doch ein Knacken und Knarren ein, leise, aber nichtsdestotrotz zu meinem Unbehagen. Erinnerte mich ein wenig an den Ausschlag eines Geiger-Müller-Zählrohrs und ich hatte Mühe meinen Mitfahrern, welche sich sicherlich schon auf dem mageren Seitenstreifen der Berliner Stadtautobahn unter Todesangst zu Fuß ihrem Ziel nähern sahen, die harmloseste Erklärung zu servieren, die mir in jenem Moment einfiel. Ein Blatt, welches sich im Belüftungssystem verfangen hatte und nebenbei bemerkt die sonderbare Eigenschaft besaß bis fünzig keinen Laut von sich zu geben und zwischen 60 und 100 in einer Sinfonie des Knirschens die unterschiedlichen Sätze herauszuarbeiten. Die letzte Bermerkung behielt ich für mich; es erschien mir klug, meine Insassen nicht weiter mit meinen Gedankengängen zu behelligen.

Es schmort unwillig vor sich hin, das kleine Etikett mit dem Strichcode am Fuße der runtergebrannten Kerze und über die Dauer vom Anzünden des gelben Stummels bis zum Zerren der Flamme an dieser ihrer Auffassung von Oxidation verneinenden Materialie ist meine Angst weitergeflogen. Die Schritte schmieren durch den Dreck, im Dunkel um meinen Wagen, Lenkradsperre nicht vergessen, Gaskasten abschließen; das Schreiben lässt das Erlebte zur Geschichte werden.

Und dabei habe ich noch nicht einmal angefangen von Ihr zu erzählen. Von Sabine. Doch sie schreibt nicht mehr und ich werde weiterfahren. Morgen.

aus Reise ohne Wiederkehr