Rechts rascheln

und grunzen die Wildschweine durch den umzäunten Forst im Dreieck zwischen Seidelkanal und Schwarzer-Graben-Kanal. Links vermischt sich das Rauschen der Autos mit dem entfernteren Dröhnen der Flugzeuge von Tegel startend zu Meereswellen aus Gummi auf Asphalt. Hier so eingepfercht zwischen Seidelstraße und gleichnamigem Kanal, auf einem 2,8 t Parkplatz, einer Baustelle mit Wackersteinbeilage wie Reis oder schlicht einem mit tiefen Pfützen, Kratern gleichend, übersäten, von der Straße durch Begrünung abgesetzten Streifen, zünde ich meine beiden Kerzen an und bin so wenig zuhause wie noch nie zuvor. Nach einer schnellen, aber zu meinem Erstaunen über meine doch allzu oft kümmerlichen handwerklichen Fähigkeiten, souveränen Reparatur meiner Kühlschranktür, welche sich, mit dumpfem „klonk“ von dem kleinen Schraubglas mit Kokosblütenzucker zur Demontage überreden ließ, als dieses bei zu hastigem Überfahren der Ablaufrinne am Parkplatz Ostseite Leipziger Hauptbahnhof aus dem oberen Küchenschrank fiel, nahm ich mir ernsthaft vor diese Augenblicke in denen meine fahrbare Bleibe einem unsanft zugeschlagenen, riesenhaften Besteckkasten gleicht, künftig zu vermeiden.
Das Zugfahrzeug macht bis jetzt einen soliden Eindruck, wenn schon sechsprozentige Steigungen nur mit wechselseitigem Heulen im Dritten und starker Drehzahlinkontinenz im Vierten gemeistert werden können. Kurz vor Berlin stellte sich dann aber doch ein Knacken und Knarren ein, leise, aber nichtsdestotrotz zu meinem Unbehagen. Erinnerte mich ein wenig an den Ausschlag eines Geiger-Müller-Zählrohrs und ich hatte Mühe meinen Mitfahrern, welche sich sicherlich schon auf dem mageren Seitenstreifen der Berliner Stadtautobahn unter Todesangst zu Fuß ihrem Ziel nähern sahen, die harmloseste Erklärung zu servieren, die mir in jenem Moment einfiel. Ein Blatt, welches sich im Belüftungssystem verfangen hatte und nebenbei bemerkt die sonderbare Eigenschaft besaß bis fünzig keinen Laut von sich zu geben und zwischen 60 und 100 in einer Sinfonie des Knirschens die unterschiedlichen Sätze herauszuarbeiten. Die letzte Bermerkung behielt ich für mich; es erschien mir klug, meine Insassen nicht weiter mit meinen Gedankengängen zu behelligen.

Es schmort unwillig vor sich hin, das kleine Etikett mit dem Strichcode am Fuße der runtergebrannten Kerze und über die Dauer vom Anzünden des gelben Stummels bis zum Zerren der Flamme an dieser ihrer Auffassung von Oxidation verneinenden Materialie ist meine Angst weitergeflogen. Die Schritte schmieren durch den Dreck, im Dunkel um meinen Wagen, Lenkradsperre nicht vergessen, Gaskasten abschließen; das Schreiben lässt das Erlebte zur Geschichte werden.

Und dabei habe ich noch nicht einmal angefangen von Ihr zu erzählen. Von Sabine. Doch sie schreibt nicht mehr und ich werde weiterfahren. Morgen.

aus Reise ohne Wiederkehr 

  

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