Jede Zeitwelle

spült neues an; jede Generation häuft eine neue Schicht auf das werdende Denkmal, jeder einzelne Mensch trägt seinen Stein herbei. So machen es die Biber, so machen es die Bienen; so machen es auch die Menschen. Babel, das große Sinnbild der Baukunst, ist ein Bienenstock.

aus Notre-Dame von Paris, Victor Hugo 

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Der Spitzbogen,

der forthin alles beherrschte, hat der übrigen Kirche das Gepräge gegeben. Aber er war noch schüchtern und unerfahren; er dehnte sich noch in die Breite, hielt sich zurück und wagte es noch nicht, in Kreuzblumen und Fialen aufwärts zu streben, wie er es später bei so vielen herrlichen Domen getan hat. Er scheint die Nähe der schweren romanischen Pfeiler empfunden zu haben.

aus Notre-Dame von Paris, Victor Hugo

09:00 Zwei Flüchtlinge

verlassen ihren Unterschlupf unterm Bogen der Brücke, in dessen unmittelbarer Nähe ich meine Behausung geparkt hatte. Wäre das Rollo meines hinteren Fensters nicht geöffnet, sie blieben von mir unbemerkt. Die ständigen Bewegungen des Bauzauns, der ihnen als Trittleiter zum Einstieg in den erhöhten Wartungsschacht des Brückenbogens dient und den sie an jedem Morgen wieder zur Seite stellen, hatte ich schon seit einigen Tagen beobachtet. Jetzt bekam ihr Verursacher ein Gesicht oder zumindest eine Statur; meine Sehhilfen hatte ich noch nicht eingesetzt. Die beiden richten im Glas meiner Autoscheibe ihre Frisur, einer verrichtet an einem Brückenpfeiler seine Notdurft. Ihre Kleidung sieht neuwertig aus, soweit ich das zu erkennen vermag. Das führt mich zu der Annahme, dass es Flüchtlinge oder Migranten irgendeiner Art sein müssen, da viele einheimische Obdachlose, die Flasche der Kleiderordnung und Körperhygiene vorziehen. Ich hatte zunächst den Mann im abgewetzten Blaumann, welchen ich hier ab und zu sah, im Verdacht, aber er wäre natürlich zu schwer für die dünnen Stäbe des improvisierten Tritts. Es müssen zwei Jungen sein.
Kurz bevor sich die beiden Gestalten aus dem Schatten der Brücke herausschälen werden und in Richtung Innenstadt aufbrechen, erkenne ich, die Gitarre zur Hilfe nehmend, dass man die Melodie von Blue In Green sehr viel einfacher in G-dorisch sich merken und singen kann, als die einzelnen Töne als Stufen über jedem einzelnen Akkord zu hören; beides eignet sich aber bestens zur Schulung des Hörens tonal vertikaler und horizontaler Strukturen.

Kurz darauf setzen sich weitere Personen aus dem noch verschmierten Braun der übrigen Brückenbögen in Bewegung, ich erahne weit geschnittene, dunkelschwere Gewänder ausländischer Herkunft. Das Ende des September ist warm, der Altweibersommer lässt die Hauptstadt weiterhin sonnenhungrige Massen an den Strand der Elbe schütten. In der Nacht wird man sich hingegen schnell bewusst, dass der Zug in die Ferne nicht nur ein Bedürfnis einzelner Vogelarten sein kann. In meinem Wagen werden es um die 17°C, mein 350 € teurer Schlafsack hat noch jede Menge Kapazitäten. Komfortzone bis -6°C. 
Wie kalt wird es wohl im Zwischenraum zweier Betonpfeiler sein? Ich erinnere mich an meine Mutter, die mich letztens fragte, wie ich den Winter überstehen will. Ich antwortete, dass ich eine Gasheizung habe. Sie riecht lediglich etwas herb ab Stufe 4.

Da, wo ich mein Auto abgestellt habe, abseits meines Wohnwagens, riecht es nach Kot und Pisse, na, vorallem nach Pisse. Harnstoffe sollte man nur sauber getrennt und in abgeschlossenen Gefäßen aufbewahren und an Sickergrund abgeben, allen anderen Dingen kommt man mit Austrocknung durch Sägespäne sehr gut bei.
Worte von Sebastião Salgado aus Wenders Das Salz der Erde kommen mir in den Sinn, ich muss mein Instrument zur Seite legen, nachdenken. Und während meine Solarzelle konstante 0.99 A für Betrieb und Aufladung meines Mobiltelefons liefert, beginne ich zu schreiben.

Schon parkt der erste Reisebus unterm Brückenbogen.

„We are a ferocious animal. We humans are terrible animals. Our history is a history of wars. It’s an endless story, a tale of madness.“

06:30 – Dresden erkältet

Zähflüssiges Sputum landet im 5-Minutentakt in einem nicht restlos ausgekratzen Schraubglas; jedesmal strömt salziger Erdnussgeruch daraus, wenn meine halbseitig verstopfte Nase sich ihm nähert. Erinnert mich manchmal an Urin. In meinen Schlafsack gehüllt, die Tasse mit dem scharfen Pfeffer durch irgendsoeine Atemwegeyogiteemischung angelöster Ingwerscheiben auf dem Pappkarton, aus welchem sich seit dem Kauf eines tiefentladenen Akkus bei Kleinanzeigen vor Monaten noch immer Reste von Paintballmaskenverpackungen ergießen, streicht mein Daumen mal halbvermindert, mal dominant über die Saiten. Im Rücken ein Güterzug, sich nicht entscheiden wollend, ob er nun donnert oder quietschtkreischt. Auf jeden Fall hält er auf der Brücke an.

Unterm Kerzenschein erhellten Furnier der Inneneinrichtung erwacht der durch die Bögen unschön plattgedrückte Canalettoblick, natürlich vom falschen Ufer, in unterschiedlichen Rauschtönen, über diese immer wieder ein Zug mit jedesmal anderem Zischfietsch drüberfegt. Das Leben am Rande einer Kurve.

Nicht zu müde, beinahe flott, trägt der Fluss sein Wasser; er sieht in diesen Tagen ständig nach Regen aus. Die Farben laufen aus, wie immer siegen schwarz, braun und dieses dunkelgrün, dessen Anwesenheit im Farbkasten ich nie verstand. Gott hat seinen Pinsel wieder mal nicht richtig ausgewaschen. Passierte mir damals auch ständig.

aus Reise ohne Wiederkehr

Spaziergang in Putbus

​Eine Stadt, welche sich mit dem Feingefühl eines Leichenbestatters geschichtsträchtig gibt. Durch die weiße Wand gelingt die Beraubung jeglicher Historie, zumindest jener, welche ganz ursprünglich tatsächlich Bericht oder Nachricht für alle Nachkommenden hätte gewesen sein können. Die hier vorgefundene, ist eher kartographischer Natur, das Inventar einer Stadt. Gesimse und Kapitele im stillen Ringen mit dem optimalen U-Wert. Jedes bekommt ein Schild, mehr zur Ausweisung als zur Auszeichnung, ein Kärtchen am großen Zeh. „Dieses Haus kaufte 1783 der Zimmermann Hans, das Grundstück wurde geteilt.“ Fassadisch einbalsamiert, ein Haken verteilt; die anderen tatsächlich noch lebenden haben auch eins, zur Versicherung: ihr seid auch noch dran. Welche ohne Hoffnung sind, keine Aussicht auf Einreihung in die Fluchtpunktlinie bieten, tragen keins.

Es ist als schriebe man von Bernd Komnick, welcher hier gerade ausstellt, „erhielt diverse Stipendien und lebt.“

Die Werbebroschüre der Stadt, eine klassizistische Masturbationsvorlage, darin die besten „Stücke“ wie für einen imaginären Makler oder für Sextouristen in Architektur aufgereit. Auch weiß man nicht so recht, dieser Umstand wird einem bei näherer Betrachtung deutlich, Residenzstadt oder Rosenstadt, auf jeden Fall „die weiße Stadt“, so raunt man hochachtungsvoll.

Gondors Perle ist fest in Investorenhand. Wir lernten nichts aus unseren Schlachten, die Geschichte wird noch von den Siegern geschrieben.

Da war eine Art

falscher Soldat, ein Stabuler, wie man auf rotwelsch sagte, der trällernd den Verband von seiner falschen Wunde löste und sein gesundes, kräftiges Knie von den unzähligen Binden befreite, mit denen er es morgens umpanzert hatte. Sein Widerspiel war ein sogenannter Seffer, der mit Schellkraut und Ochsenblut sein krankes Bein für den nächsten Tag herrichtete. Zwei Tische weiter haspelte ein Schlepper im Pilgerkleide seine Gebete ab und vergaß weder zu psalmodieren noch zu näseln. Ein junger Vopper nahm Unterricht in der Fallsucht und ließ sich von einem alten Vazenheuer zeigen, wie man Schaum vorm Munde erzeugt, indem man ein Stück Seife kaut. Daneben machte sich ein Wassersüchtiger dünn,… 

aus Notre-Dame von Paris, Victor Hugo