09:00 Zwei Flüchtlinge

verlassen ihren Unterschlupf unterm Bogen der Brücke, in dessen unmittelbarer Nähe ich meine Behausung geparkt hatte. Wäre das Rollo meines hinteren Fensters nicht geöffnet, sie blieben von mir unbemerkt. Die ständigen Bewegungen des Bauzauns, der ihnen als Trittleiter zum Einstieg in den erhöhten Wartungsschacht des Brückenbogens dient und den sie an jedem Morgen wieder zur Seite stellen, hatte ich schon seit einigen Tagen beobachtet. Jetzt bekam ihr Verursacher ein Gesicht oder zumindest eine Statur; meine Sehhilfen hatte ich noch nicht eingesetzt. Die beiden richten im Glas meiner Autoscheibe ihre Frisur, einer verrichtet an einem Brückenpfeiler seine Notdurft. Ihre Kleidung sieht neuwertig aus, soweit ich das zu erkennen vermag. Das führt mich zu der Annahme, dass es Flüchtlinge oder Migranten irgendeiner Art sein müssen, da viele einheimische Obdachlose, die Flasche der Kleiderordnung und Körperhygiene vorziehen. Ich hatte zunächst den Mann im abgewetzten Blaumann, welchen ich hier ab und zu sah, im Verdacht, aber er wäre natürlich zu schwer für die dünnen Stäbe des improvisierten Tritts. Es müssen zwei Jungen sein.
Kurz bevor sich die beiden Gestalten aus dem Schatten der Brücke herausschälen werden und in Richtung Innenstadt aufbrechen, erkenne ich, die Gitarre zur Hilfe nehmend, dass man die Melodie von Blue In Green sehr viel einfacher in G-dorisch sich merken und singen kann, als die einzelnen Töne als Stufen über jedem einzelnen Akkord zu hören; beides eignet sich aber bestens zur Schulung des Hörens tonal vertikaler und horizontaler Strukturen.

Kurz darauf setzen sich weitere Personen aus dem noch verschmierten Braun der übrigen Brückenbögen in Bewegung, ich erahne weit geschnittene, dunkelschwere Gewänder ausländischer Herkunft. Das Ende des September ist warm, der Altweibersommer lässt die Hauptstadt weiterhin sonnenhungrige Massen an den Strand der Elbe schütten. In der Nacht wird man sich hingegen schnell bewusst, dass der Zug in die Ferne nicht nur ein Bedürfnis einzelner Vogelarten sein kann. In meinem Wagen werden es um die 17°C, mein 350 € teurer Schlafsack hat noch jede Menge Kapazitäten. Komfortzone bis -6°C. 
Wie kalt wird es wohl im Zwischenraum zweier Betonpfeiler sein? Ich erinnere mich an meine Mutter, die mich letztens fragte, wie ich den Winter überstehen will. Ich antwortete, dass ich eine Gasheizung habe. Sie riecht lediglich etwas herb ab Stufe 4.

Da, wo ich mein Auto abgestellt habe, abseits meines Wohnwagens, riecht es nach Kot und Pisse, na, vorallem nach Pisse. Harnstoffe sollte man nur sauber getrennt und in abgeschlossenen Gefäßen aufbewahren und an Sickergrund abgeben, allen anderen Dingen kommt man mit Austrocknung durch Sägespäne sehr gut bei.
Worte von Sebastião Salgado aus Wenders Das Salz der Erde kommen mir in den Sinn, ich muss mein Instrument zur Seite legen, nachdenken. Und während meine Solarzelle konstante 0.99 A für Betrieb und Aufladung meines Mobiltelefons liefert, beginne ich zu schreiben.

Schon parkt der erste Reisebus unterm Brückenbogen.

„We are a ferocious animal. We humans are terrible animals. Our history is a history of wars. It’s an endless story, a tale of madness.“

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