Heute, im Jahre 1797, im Alter 

von zweiundsiebzig Jahren, da ich sagen kann, ‚vixi‘ (ich habe gelebt), obwohl ich noch atme, wüßte ich mir keinen angenehmeren Zeitvertreib, als mich mit meinen eigenen Erlebnissen zu unterhalten und der freundlichen Gesellschaft, die mir nun zuhört, die mir früher stets Beweise ihrer Gewogenheit geschenkt hat und in der ich immer zu Hause war, einen würdigen Stoff zum Lachen zu geben. Um gut zu schreiben, genügt mir die Vorstellung, daß diese Gesellschaft mein Buch lesen wird. ‚Quaecumque dixi, si placuerint, dictavit auditor‘. (Was ich auch immer gesagt habe, ob es gefällt, entscheidet der Zuhörer.) Was die Unberufenen angeht, denen ich es nicht verwehren kann, mich zu lesen, so genügt mir die Gewißheit, daß ich nicht für sie geschrieben habe.

aus Geschichte meines Lebens, Giacomo Casanova

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„Wenn du nichts vollbracht hast,

was das Aufschreiben lohnt, so schreibe wenigstens etwas, das wert ist gelesen zu werden.“ Diese Vorschrift ist so schön wie ein in England geschliffener Diamant reinsten Wassers, aber sie betrifft mich nicht, weil ich weder die Geschichte eines berühmten Mannes noch einen Roman schreibe. Ob wert oder unwert, mein Leben ist mein Stoff, und mein Stoff ist mein Leben. Da ich es gelebt habe, ohne je daran zu denken, mich könnte einmal die Lust packen, es aufzuzeichnen, mag es ein gewisses Interesse besitzen; das aber hätte es wohl kaum, wenn ich mein Leben in der Absicht geführt hätte, es in meinen alten Tagen niederzuschreiben und, was weit mehr ist, es auch noch zu veröffentlichen.

aus Geschichte meines Lebens, Giacomo Casanova

Wann beginnt Weihnachten?

Aus dem Nebenzimmer dröhnt die immer gleiche Sequenz eines Festes auf dem Klavier, auf der Blockflöte, mehreren Blockflöten und jede hat ihren ganz persönlichen Misston, meistens das Fis. „Kommet, ihiir Hiirten“, wann hat er endlich diesen Anfang geschnallt? Meine Schüler sind durch, esse Müsli und gleich noch Üben. Dazwischen sitze ich über Abschriften und Transpositionen eigener Stücke; in C lesen zu können, wäre nicht nur eine Erlösung für Spieler. Um mich treten die Engel ihren Rückzug ins Paradies an, Diamond Crush ploppt noch im Wartezimmer, die Leitung entleert meinen Mülleimer und macht sich auf den Heimweg. Bald werde ich wie jeden Mittwoch allein im Dunkel zurückbleiben, dann heben Passanten ab und zu ihre Köpfe und werden Blicke, angezogen von Saxophonklangresten, in die leeren Fenster werfen.
Das asthmatisch hohle Gehauche zweier Querflöten, Schrammelgitarre, Aufbruchlieder und gestolperte Pop-Piano-Songs; die Flöten versuchen zu stimmen, bevor sie sich an ihren eigenartig verstümmelten Mozart wagen. Nachdem er missglückt, probieren sie einfach wild durcheinander Stücke. Alles dringt zerfetzt, in im Streit liegenden Tonarten durch die dünnen Wände und den Schlitz fahlen Neonlichts unter meiner Tür.
Ein verzweifelter Anflug von Arbeitswut, irgendwann einmal mit den Engeln ins Paradies verschwinden, ein Leben im Jenseits einer Musikschule.

Der Supermarkt im Erdgeschoss wird seine Leuchtreklame um halb elf abschalten, dann wird es richtig dunkel auf der Kreuzung. Gestalten schwanken in die letzte übrigbleibende Lichtquelle auf der gegenüberliegenden Straßenseite, welche bis in die frühen Morgenstunden im Stundenabstand Gebeugte und Haltsuchende absondern wird. Jeder geht allein nach Haus. Weihnachten beginnt also nach den Herbstferien.

„Hat man sich darum weniger lieb,

weil man kein Latein in der Bude eines Priesters geschluckt hat?“
Diese Worte sprach er im sanftesten Ton, dessen seine Stimme fähig war; er rückte der Zigeunerin immer näher und schlang seine Arme liebkosend um ihren feinen, geschmeidigen Leib; in seinen Augen brannte ein immer heißeres Feuer, und alle Zeichen sprachen dafür, daß Herr Phöbus einem jener Augenblicke nahe war, wo selbst Jupiter so viele Dummheiten begeht, daß dem guten Homer nichts anderes übrig bleibt, als eine Wolke zu Hilfe zu rufen.
Dom Claude aber sah alles.

aus Notre-Dame von Paris, Victor Hugo

Trotz des Vorrates

an trefflicher Moral als natürlicher Frucht der in meinem Herzen eingewurzelten göttlichen Prinzipien, bin ich mein Leben lang ein Opfer meiner Sinne gewesen. Vom rechten Weg abzuweichen, machte mir Vergnügen, und ich habe fortwährend Fehler begangen; dabei hatte ich keinen anderen Trost als den, genau zu wissen, daß ich im Irrtum befangen war. Aus diesem Grunde hoffe ich, lieber Leser, daß du, weit davon entfernt in meiner Geschichte schamlose Prahlerei zu entdecken, darin solche Züge findest, die einer Generalbeichte zustehen, obschon du im Stil meiner Berichte weder  das Gehabe eines Büßers noch das Schuldgefühl eines Menschen finden wirst, der errötend über seine losen Streiche Rechenschaft ablegt. Das sind Jugendtorheiten. Du wirst sehen, daß ich darüber lache, und wenn du wohl gesonnen bist, wirst du mit mir lachen.

aus Geschichte meines Lebens, Giacomo Casanova