Mutters Wanne

Über die Verunreinigung ihrer Wanne durch ein Bad meines zu Besuch gewesenen Bruders – meine Mitschuld wurde gemutmaßt, wie sich herausstellen wird, war ich aber an der Situation völlig unbeteiligt – schriftlich sich Luft machend, ergab sich folgender Wortwechsel, den ich hier ausschließlich aufgrund meines Bewahrungswahns zum einen und sündiger Hingabe meinem Geltungsbedürfnis zum anderen wiedergebe. Das initiale Schreiben meiner Mutter muss der Leser bitte erahnen, ich verstieße gegen jegliche durch meine Eltern mühsam anerzogene, durch meine Ausartungen drastisch reduzierte, übriggebliebene Moral, gäbe ich dieses preis.

„Liebe Mutti, nach meinem letzten Besuch waren Haus und Wanne in einem akzeptablen Zustand. Wage ich es nicht mich als einen der Ordnung nahestehenden zu bezeichnen, so doch zumindest als jemand der die offensichtlichsten Spuren seines auschweifenden Aufenthaltes zu tilgen weiß. Wenn mir das nur annähernd in meinen eigenen vier Wänden mit Regelmäßigkeit gelänge, ich hätte weniger häufig Grund über diese Nachlässigkeit in Verdruss zu geraten. Liebe Grüße und bis gleich. Albrecht“

„Dann ist es ja gut, dass Du derzeit ein sehr überschaubares Heim als Übungsgelände hast. Bis gleich.“

{Dieser unterschwellig zynische, dennoch von mütterlicher Fürsorge schwangere Ton ist das Salz jeder Mutter-Sohn-Konversation.}

„Ich kann dir, nach diesem kurzen Intermezzo befestigten Wohnsitzes, nur beipflichten. Für größere Behausungen als einem Zelt ist das männliche Geschlecht nicht ausgelegt, es sei denn es ist mit der besseren Klasse der Menschen, den Frauen, im Bunde. Es fehlt ansonsten an innerer Dringlichkeit, einem Bedürfnis nachzueifern, welches  gleichzeitig Huldigung und Anerkennung des Gegenüber beinhaltet und daher dem alleinstehenden Mann in Ermangelung eines anbetungswürdigen Ziels unsinnig erscheinen muss. Ein Pfeil mag ja auch nicht in den leeren Himmel geschossen werden, sondern die Erfüllung seines Daseins in Durchbohrung einer Scheibe wissen.“

„Ich bin beeindruckt! Also wenn das Musizieren  Dich mal nicht ausreichend ernähren kann, dann lass die Welt an deinem poetischen Talent teilhaben.“

{Bin mir unsicher, welcher Ton hier angeschlagen wird. Der Grobschlacht männlicher Empfindungsfähigkeit sind doch deutliche Grenzen gesetzt.}

„Mit Verlaub es zu erwähnen, aber das tue ich bereits, doch weder das eine noch das andere ist dazu „ausreichend“ im Stande, zu dürftig sind noch die Ergüsse. Doch als seelisches Zubrot mundet es mir alle mal und für das leibliche Wohl muss dann doch meine Geduld in Form von Musikunterricht oder das Material meines Gürtels durch ein weiteres Loch strapaziert werden.
Und der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern auch vom Lob seiner Mutter, daher danke ich dir herzlich für die Linderung meines wie auch immer gearteten Hungers.“

Ich könnte noch so viele Würmer verfassen, der feinen Suggestivkraft mütterlicher Zuwendungen fühle ich mich selbst nach über 30 Jahren Erfahrung nicht gewachsen. Mütter bleiben Mütter, Söhne Söhne und Brüder bleiben auf jeden Fall Brüder.

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