„Du brauchst nicht sechs

Stunden Schlaf, du brauchst sechs Frauen, die dich im Griff haben und mit Sex überschütten.“

– 23:30, in einer Kneipe, Dresden Niedersedlitz

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Ein Lächeln glitt

über Olivias Gesicht; ihm folgte, so schien es mir, ein grauer Schatten von der Seite her quer über das Antlitz. Denselben flüchtigen Schein habe ich wiedererkannt, wenn Sonne und Schatten einander über gelbe Stoppeln jagen.

aus Sühne, Martin Andersen Nexö

Der alte König erhob sich

und richtete sich stramm auf wie ein junger Mann: „Erkläre mir das, Olivier, erkläre mir das! Und hüte deinen Kopf, Gevatter; denn ich schwöre dir bei den Heiligen Drei Königen, wenn du mich in dieser Stunde anlügst, dann macht dein Hals mit meinem Schwert Bekanntschaft. Es ist nicht schartig geworden, seit es den Herrn von Luxemburg traf.“
Der Schwur war fürchterlich. Ludwig der Elfte hatte in seinem Leben erst zweimal bei den Heiligen Drei Königen geschworen.

aus Notre-Dame von Paris, Victor Hugo

Thereafter, during a stretch

​of two exhausting hours, he was busy saving Goodson’s life. He saved it in all kinds of difficult and perilous ways. In every case he got it saved satisfactorily up to a certain point; then, just as he was beginning to get well persuaded that it had really happened, a troublesome detail would turn up which made the whole thing impossible. As in the matter of drowning, for instance. In that case he had swum out and tugged Goodson ashore in an unconscious state with a great crowd looking on and applauding, but when he had got it all thought out and was just beginning to remember all about it, a whole swarm of disqualifying details arrived on the ground: the town would have known of the circumstance, Mary would have known of it, it would glare like a limelight in his own memory instead of being an inconspicuous service which he had possibly rendered „without knowing its full value.“ And at this point he remembered that he couldn’t swim anyway.

aus The Man That Corrupted Hadleyburg, Mark Twain

Heute, im Jahre 1797, im Alter 

von zweiundsiebzig Jahren, da ich sagen kann, ‚vixi‘ (ich habe gelebt), obwohl ich noch atme, wüßte ich mir keinen angenehmeren Zeitvertreib, als mich mit meinen eigenen Erlebnissen zu unterhalten und der freundlichen Gesellschaft, die mir nun zuhört, die mir früher stets Beweise ihrer Gewogenheit geschenkt hat und in der ich immer zu Hause war, einen würdigen Stoff zum Lachen zu geben. Um gut zu schreiben, genügt mir die Vorstellung, daß diese Gesellschaft mein Buch lesen wird. ‚Quaecumque dixi, si placuerint, dictavit auditor‘. (Was ich auch immer gesagt habe, ob es gefällt, entscheidet der Zuhörer.) Was die Unberufenen angeht, denen ich es nicht verwehren kann, mich zu lesen, so genügt mir die Gewißheit, daß ich nicht für sie geschrieben habe.

aus Geschichte meines Lebens, Giacomo Casanova

„Wenn du nichts vollbracht hast,

was das Aufschreiben lohnt, so schreibe wenigstens etwas, das wert ist gelesen zu werden.“ Diese Vorschrift ist so schön wie ein in England geschliffener Diamant reinsten Wassers, aber sie betrifft mich nicht, weil ich weder die Geschichte eines berühmten Mannes noch einen Roman schreibe. Ob wert oder unwert, mein Leben ist mein Stoff, und mein Stoff ist mein Leben. Da ich es gelebt habe, ohne je daran zu denken, mich könnte einmal die Lust packen, es aufzuzeichnen, mag es ein gewisses Interesse besitzen; das aber hätte es wohl kaum, wenn ich mein Leben in der Absicht geführt hätte, es in meinen alten Tagen niederzuschreiben und, was weit mehr ist, es auch noch zu veröffentlichen.

aus Geschichte meines Lebens, Giacomo Casanova

Wann beginnt Weihnachten?

Aus dem Nebenzimmer dröhnt die immer gleiche Sequenz eines Festes auf dem Klavier, auf der Blockflöte, mehreren Blockflöten und jede hat ihren ganz persönlichen Misston, meistens das Fis. „Kommet, ihiir Hiirten“, wann hat er endlich diesen Anfang geschnallt? Meine Schüler sind durch, esse Müsli und gleich noch Üben. Dazwischen sitze ich über Abschriften und Transpositionen eigener Stücke; in C lesen zu können, wäre nicht nur eine Erlösung für Spieler. Um mich treten die Engel ihren Rückzug ins Paradies an, Diamond Crush ploppt noch im Wartezimmer, die Leitung entleert meinen Mülleimer und macht sich auf den Heimweg. Bald werde ich wie jeden Mittwoch allein im Dunkel zurückbleiben, dann heben Passanten ab und zu ihre Köpfe und werden Blicke, angezogen von Saxophonklangresten, in die leeren Fenster werfen.
Das asthmatisch hohle Gehauche zweier Querflöten, Schrammelgitarre, Aufbruchlieder und gestolperte Pop-Piano-Songs; die Flöten versuchen zu stimmen, bevor sie sich an ihren eigenartig verstümmelten Mozart wagen. Nachdem er missglückt, probieren sie einfach wild durcheinander Stücke. Alles dringt zerfetzt, in im Streit liegenden Tonarten durch die dünnen Wände und den Schlitz fahlen Neonlichts unter meiner Tür.
Ein verzweifelter Anflug von Arbeitswut, irgendwann einmal mit den Engeln ins Paradies verschwinden, ein Leben im Jenseits einer Musikschule.

Der Supermarkt im Erdgeschoss wird seine Leuchtreklame um halb elf abschalten, dann wird es richtig dunkel auf der Kreuzung. Gestalten schwanken in die letzte übrigbleibende Lichtquelle auf der gegenüberliegenden Straßenseite, welche bis in die frühen Morgenstunden im Stundenabstand Gebeugte und Haltsuchende absondern wird. Jeder geht allein nach Haus. Weihnachten beginnt also nach den Herbstferien.