„Hat man sich darum weniger lieb,

weil man kein Latein in der Bude eines Priesters geschluckt hat?“
Diese Worte sprach er im sanftesten Ton, dessen seine Stimme fähig war; er rückte der Zigeunerin immer näher und schlang seine Arme liebkosend um ihren feinen, geschmeidigen Leib; in seinen Augen brannte ein immer heißeres Feuer, und alle Zeichen sprachen dafür, daß Herr Phöbus einem jener Augenblicke nahe war, wo selbst Jupiter so viele Dummheiten begeht, daß dem guten Homer nichts anderes übrig bleibt, als eine Wolke zu Hilfe zu rufen.
Dom Claude aber sah alles.

aus Notre-Dame von Paris, Victor Hugo

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Trotz des Vorrates

an trefflicher Moral als natürlicher Frucht der in meinem Herzen eingewurzelten göttlichen Prinzipien, bin ich mein Leben lang ein Opfer meiner Sinne gewesen. Vom rechten Weg abzuweichen, machte mir Vergnügen, und ich habe fortwährend Fehler begangen; dabei hatte ich keinen anderen Trost als den, genau zu wissen, daß ich im Irrtum befangen war. Aus diesem Grunde hoffe ich, lieber Leser, daß du, weit davon entfernt in meiner Geschichte schamlose Prahlerei zu entdecken, darin solche Züge findest, die einer Generalbeichte zustehen, obschon du im Stil meiner Berichte weder  das Gehabe eines Büßers noch das Schuldgefühl eines Menschen finden wirst, der errötend über seine losen Streiche Rechenschaft ablegt. Das sind Jugendtorheiten. Du wirst sehen, daß ich darüber lache, und wenn du wohl gesonnen bist, wirst du mit mir lachen.

aus Geschichte meines Lebens, Giacomo Casanova

Schlag den Minijob – Der Tragödie erster Teil

Gott. Die Welt. Lustige Person.
Ach, ach, verdrießliches Thema, du! Es ist Oktober und mit dem Studium gehen nun auch die goldenen Gickerlinge zur Neige.

So gnädig sich das Wetter noch zum gelungenen Festakt des wichtigsten deutschen Feiertags zeigte, so unbarmherzig, wie die Straßen danach, ist jetzt der Himmel in seiner miesen Laune und die Wolken darin sind düster, wie die, hinter den Stirnen der unglücklichen Verkehrsteilnehmer, welche nun, vom müsigen Wochenbeginn und dem logistischen Kater des Festes püriert, höhnisch in die Därme der Landeshauptstadt zurückgestopft werden. Allein der Gedanke an die Massen von Bratwürsten, Bockwürsten, Weißwürsten, Wurstwürsten, welche zur Besänftigung der nach Einigkeit und Recht und Freiheit hungernden Feiergäste von Nöten gewesen waren und die Volumina güldenen Gerstengetränks, lässt die kurzen Schauer dieses Tages sich noch einmal auf meinem Rücken niedersenken und meine Tastatur hartnäckig den häufigsten Buchstabn dr dutschn und nglischn Sprach vrwgrn.

Und zu allem Überfluss dieses tragischen Rinnsals nun dieses Thema. Passend zur Entlassung in die Arbeitswelt – wie so oft eine sardonisch treffende, deutsche Redensart – hat sich meine Schüleranzahl in der Musikschule schlagartig um ein Drittel reduziert. Der Geschmack der süßen Dinge und schönen Gaben zum Abschied der Ausgeschiedenen wandelt sich langsam in der Realisierung meiner Misere; da ist sie wieder – die zynische Metzgerware. Der Anrufbeantworter stellt noch schnell die letzte Absage eines Privatschülers durch und während mir der Tag am Hackstock meines Vaters in den Gliedern reißt, realisiere ich, unter dem erleichterten Aufstöhnen meines Geldbeutels, bei gleichzeitig plötzlicher Verengung meiner Herzkranzgefäße, dass ein Neoprenanzug für das Schwimmen in offenen Gewässern, während der kalten Jahreszeit ratsam, aber in der erforderlichen Ausführung unerschwinglich ist. Dem Winter entgegen, auch wenn Väterchen Frost seine Schneeschaufel gegen eine Sense getauscht zu haben scheint und meine angeschlagenen Bronchien mir das Großgedruckte meiner Krankenversicherungspolice unter die Nase halten, lache ich. Und wer zuerst lacht…

(Lustige Person geht ab.)

    Mutters Wanne

    Über die Verunreinigung ihrer Wanne durch ein Bad meines zu Besuch gewesenen Bruders – meine Mitschuld wurde gemutmaßt, wie sich herausstellen wird, war ich aber an der Situation völlig unbeteiligt – schriftlich sich Luft machend, ergab sich folgender Wortwechsel, den ich hier ausschließlich aufgrund meines Bewahrungswahns zum einen und sündiger Hingabe meinem Geltungsbedürfnis zum anderen wiedergebe. Das initiale Schreiben meiner Mutter muss der Leser bitte erahnen, ich verstieße gegen jegliche durch meine Eltern mühsam anerzogene, durch meine Ausartungen drastisch reduzierte, übriggebliebene Moral, gäbe ich dieses preis.

    „Liebe Mutti, nach meinem letzten Besuch waren Haus und Wanne in einem akzeptablen Zustand. Wage ich es nicht mich als einen der Ordnung nahestehenden zu bezeichnen, so doch zumindest als jemand der die offensichtlichsten Spuren seines auschweifenden Aufenthaltes zu tilgen weiß. Wenn mir das nur annähernd in meinen eigenen vier Wänden mit Regelmäßigkeit gelänge, ich hätte weniger häufig Grund über diese Nachlässigkeit in Verdruss zu geraten. Liebe Grüße und bis gleich. Albrecht“

    „Dann ist es ja gut, dass Du derzeit ein sehr überschaubares Heim als Übungsgelände hast. Bis gleich.“

    {Dieser unterschwellig zynische, dennoch von mütterlicher Fürsorge schwangere Ton ist das Salz jeder Mutter-Sohn-Konversation.}

    „Ich kann dir, nach diesem kurzen Intermezzo befestigten Wohnsitzes, nur beipflichten. Für größere Behausungen als einem Zelt ist das männliche Geschlecht nicht ausgelegt, es sei denn es ist mit der besseren Klasse der Menschen, den Frauen, im Bunde. Es fehlt ansonsten an innerer Dringlichkeit, einem Bedürfnis nachzueifern, welches  gleichzeitig Huldigung und Anerkennung des Gegenüber beinhaltet und daher dem alleinstehenden Mann in Ermangelung eines anbetungswürdigen Ziels unsinnig erscheinen muss. Ein Pfeil mag ja auch nicht in den leeren Himmel geschossen werden, sondern die Erfüllung seines Daseins in Durchbohrung einer Scheibe wissen.“

    „Ich bin beeindruckt! Also wenn das Musizieren  Dich mal nicht ausreichend ernähren kann, dann lass die Welt an deinem poetischen Talent teilhaben.“

    {Bin mir unsicher, welcher Ton hier angeschlagen wird. Der Grobschlacht männlicher Empfindungsfähigkeit sind doch deutliche Grenzen gesetzt.}

    „Mit Verlaub es zu erwähnen, aber das tue ich bereits, doch weder das eine noch das andere ist dazu „ausreichend“ im Stande, zu dürftig sind noch die Ergüsse. Doch als seelisches Zubrot mundet es mir alle mal und für das leibliche Wohl muss dann doch meine Geduld in Form von Musikunterricht oder das Material meines Gürtels durch ein weiteres Loch strapaziert werden.
    Und der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern auch vom Lob seiner Mutter, daher danke ich dir herzlich für die Linderung meines wie auch immer gearteten Hungers.“

    Ich könnte noch so viele Würmer verfassen, der feinen Suggestivkraft mütterlicher Zuwendungen fühle ich mich selbst nach über 30 Jahren Erfahrung nicht gewachsen. Mütter bleiben Mütter, Söhne Söhne und Brüder bleiben auf jeden Fall Brüder.

    Die Gedanken würden sonst

    von etwas ergriffen werden, das an den Verlässlichkeiten rüttelt, die man sich zu seinem Glück erworben zu haben meint. Dem Sinnlichen ist tatsächlich eine revolutionäre Kraft der Verwandlung eigen, und es scheint, als täte der Intellekt heute alles, was in seiner Macht steht, die Revolution, die vom Sinnlichen ausgeht, zu unterdrücken.

    aus Zwiegespräche mit der Erde, Karsten Massei

    Die Bienen summen

    ​in der Efeu bedeckten Hauswand, Eichelhäher krächzen in der Birkenkrone und der Sommer zieht in Wolkenstücken vorüber, legt seine Schatten auf den nahen Hügel mit der Streuobstwiese. Kurzstielige Blätter, nervöses Zittern am Birnenbaum. Himmelsblau lädt mich ein, auch einmal die Fenster von Chartres zu bewundern. Wir verabschieden uns, richten unsere Blicke verträumt in die Höhe, wo die Sonne malt.
    Sie sagt „Oktoberfest“.

    Der Hauptmann

    brach das Schweigen. „Auf Taille,“ sagte er in seinem dreisten, geckenhaften Ton, „eine charmante Kreatur! Meint Ihr nicht auch, schöne Base?“
    Diese Bemerkung, die ein mit etwas mehr Zartgefühl begabter Bewunderer wenigstens leise gemacht hätte, war nicht geeignet, die weibliche Eifersucht, die gegen die Zigeunerin auf der Wacht stand, einzuschläfern.

    aus Notre-Dame von Paris, Victor Hugo