Rechts rascheln

und grunzen die Wildschweine durch den umzäunten Forst im Dreieck zwischen Seidelkanal und Schwarzer-Graben-Kanal. Links vermischt sich das Rauschen der Autos mit dem entfernteren Dröhnen der Flugzeuge von Tegel startend zu Meereswellen aus Gummi auf Asphalt. Hier so eingepfercht zwischen Seidelstraße und gleichnamigem Kanal, auf einem 2,8 t Parkplatz, einer Baustelle mit Wackersteinbeilage wie Reis oder schlicht einem mit tiefen Pfützen, Kratern gleichend, übersäten, von der Straße durch Begrünung abgesetzten Streifen, zünde ich meine beiden Kerzen an und bin so wenig zuhause wie noch nie zuvor. Nach einer schnellen, aber zu meinem Erstaunen über meine doch allzu oft kümmerlichen handwerklichen Fähigkeiten, souveränen Reparatur meiner Kühlschranktür, welche sich, mit dumpfem „klonk“ von dem kleinen Schraubglas mit Kokosblütenzucker zur Demontage überreden ließ, als dieses bei zu hastigem Überfahren der Ablaufrinne am Parkplatz Ostseite Leipziger Hauptbahnhof aus dem oberen Küchenschrank fiel, nahm ich mir ernsthaft vor diese Augenblicke in denen meine fahrbare Bleibe einem unsanft zugeschlagenen, riesenhaften Besteckkasten gleicht, künftig zu vermeiden.
Das Zugfahrzeug macht bis jetzt einen soliden Eindruck, wenn schon sechsprozentige Steigungen nur mit wechselseitigem Heulen im Dritten und starker Drehzahlinkontinenz im Vierten gemeistert werden können. Kurz vor Berlin stellte sich dann aber doch ein Knacken und Knarren ein, leise, aber nichtsdestotrotz zu meinem Unbehagen. Erinnerte mich ein wenig an den Ausschlag eines Geiger-Müller-Zählrohrs und ich hatte Mühe meinen Mitfahrern, welche sich sicherlich schon auf dem mageren Seitenstreifen der Berliner Stadtautobahn unter Todesangst zu Fuß ihrem Ziel nähern sahen, die harmloseste Erklärung zu servieren, die mir in jenem Moment einfiel. Ein Blatt, welches sich im Belüftungssystem verfangen hatte und nebenbei bemerkt die sonderbare Eigenschaft besaß bis fünzig keinen Laut von sich zu geben und zwischen 60 und 100 in einer Sinfonie des Knirschens die unterschiedlichen Sätze herauszuarbeiten. Die letzte Bermerkung behielt ich für mich; es erschien mir klug, meine Insassen nicht weiter mit meinen Gedankengängen zu behelligen.

Es schmort unwillig vor sich hin, das kleine Etikett mit dem Strichcode am Fuße der runtergebrannten Kerze und über die Dauer vom Anzünden des gelben Stummels bis zum Zerren der Flamme an dieser ihrer Auffassung von Oxidation verneinenden Materialie ist meine Angst weitergeflogen. Die Schritte schmieren durch den Dreck, im Dunkel um meinen Wagen, Lenkradsperre nicht vergessen, Gaskasten abschließen; das Schreiben lässt das Erlebte zur Geschichte werden.

Und dabei habe ich noch nicht einmal angefangen von Ihr zu erzählen. Von Sabine. Doch sie schreibt nicht mehr und ich werde weiterfahren. Morgen.

aus Reise ohne Wiederkehr 

  

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Hinterm Wäldchen am See,

schießen Laserstrahlen in den Himmel und nur die milchige Wolkendecke hindert sie am Weg durch die endlose Nacht dahinter, daran, mit allem extraterrestrischem Leben Kontakt aufzunehmen, welches an diesem Tag, an dem ich mich entschied die Farben der Reichsflagge, gebraucht und angerostet, künftig wie eine Monstranz auf Rädern durch die Republik zu bewegen und mir selbst in einem Leipziger Café, begleitet von Blaulicht und Martinshorn, gegenüber zu sitzen, genau an diesem Tag den Blick auf die Kartoffel Erde richtet.
Ich wünschte mir ich hätte das Blau meiner Augen, in welche ich, vornehmlich und vorallem bei Themen, welche ein gewisses Maß an Gehör erfordern, das Linke wählend, blickte. Auch wäre das Sandwich, welches ich bestellt hatte, gegessen worden, aber mit anderen Zutaten. Wäre nicht verkatert gewesen und hätte die Zuneigung der Bedienung, welche anteilig mehr mir und nicht ihm, also mir galt, reizend gefunden.
Verstanden hätte ich mich ebenso, jedes Wort der Verzweiflung, das Händeheben der Ratlosigkeit, das Rollen mit den Augen, das gepresste, zynisch knappe Feixen der Fassungslosigkeit, die Körpersprache des Nichtbegreifenkönnens.
Wann sitzt man schonmal in seinem Leben sich selbst gegenüber?
Eine andere Stimme, aber sie ist doch die eigene, dringt in die Seele, holt das Erlittene hervor, erzählt die Geschichten, die immer gleichen, vom Schmerz, dem eigenen Versagen und dem sich selbst ausgestellten Zeugnis der Inkompetenz. Überforderung fördert den Unglauben an die eigene Urteilsfähigkeit und man zieht sich Grenzzäune hoch, wo sonst nicht mal ein Schlagbaum stünde.
Es wird gelogen, was sich verbiegt, ist die Würde. Am Ende bleibt die Wut, auf den anderen und auf die eigene Blindheit.
Hat alles richtig gemacht, der hübsche, junge Mann und wäre ich er und nicht ich, wäre damals Mut gewesen, aber ich hätte dann auch nicht in einem Leipziger Café, begleitet von Blaulicht und Martinshorn, mir selbst gegenüber gesessen.

aus Reise ohne Wiederkehr

Lieber Andreas,

unseren kleinen kulturkritischen Diskurs befeuernd, möchte ich in den Raum werfen, dass wir zunächst die Grundlage unser beider Thesen weiter erläutern müssten. Ich stimme dir zu, dass Kultur zunächst alles vom Menschen geschaffene einschließt, dessen Bandbreite hier zu erörtern mir etwas  müßig erscheint. Doch mit dieser Breite hat sich ganz entschieden auch die Rezeption von dem geändert, was wir heute als werte oder unwerte, du nanntest es Trash, Ausflüsse menschlicher Schöpfung betrachten. Das klingt nach Drittem Reich und diesen Klang müssen wir ertragen, sind es doch die Vokabeln, mit denen unser Gehirn und unser Gemüt täglich hantiert und darauf Entscheidungen gründet. Einzig die Auslegung dieser Beschlüsse trägt, haben wir einst die humanistische Krabbelgruppe durchlaufen, weniger faschistoide Züge. Wir differenzieren Kultur also geschmacklich aus, die Ausgesonderten werden aber, Geschichte sei dank, nicht deportiert, verbrannt oder anderweitig der Vernichtung preisgegeben, sondern mit gesunder Ignoranz ihrem Fortbestehen überlassen.

Worauf soll man also den Fokus richten, um Kultur im Sinne unserer kleinen Debatte einer Kritik zu unterziehen? Mein bescheidener Vorschlag wäre das Augenmerk auf die Charakterbildung zu legen. Die sehen wir gern mit dem Erhalt diverser Schulabschlüsse und dem Eintritt in das Erwachsenenalter beendet. Es wäre nicht die erste fatale Verwechslung zwischen Ende und Stillstand, ähneln sich doch diese beiden Zustände in ihrem Momentum, nicht aber was ihren Horizont angeht. 

Entwicklungs- oder nennen wir sie Bildungsprozesse laufen ja immer wieder ähnlich ab: Außenreiz, Reizpotential, Reaktion, Bewegung, Veränderung. 

Wenn ich nun feststelle, dass Überforderung ein wesentlicher Bestandteil von Entwicklung ist, sei mir  der Rückschluss auf die Schule des Charakters erlaubt, dass ein gesundes Maß an Unverstand und Wissbegierde unverzichtbar ist, um den Menschen an sich, aber auch die Kulturevolution voranzubringen. Kultur entsteht für mich somit grundlegend aus den sich gegenseitig ernährenden Zuständen des zum einen Nicht-wissens oder Nicht-verstehens und zum anderen Verstehen- oder Wissen-wollens. Der Austausch dazwischen ist für mich der Indikator, ob eine, ich bleibe bei der menschlichen, Schöpfung, einen irgendwie gearteten Wallungswert besitzt.

Sitze ich also in einem Kino, lese ein Buch, besuche eine Galerie oder das Theater, so muss das mir dargebotene diesen Lakmustest mit irgendeiner Farbänderung bestehen, mich oder besser meinen Denkapparat, aber auch, sonst könnte ich mich stattdessen in eine Vorlesung eines meiner Saxophonschüler, welcher sich als Professor für Verbrennungsmotorentechnik verantwortlich zeichnet, setzen, meine seelische Empfindungsfähigkeit anregen. Passiert dies im positiven, nennen wir es basisch, so verfärbe ich mich nicht blau, aber ich fühle mich angenehm erregt von der Schönheit eines Bildes, der gekonnten Formulierung eines Satzes, bin überzeugt vom Spiel des Darstellers und genieße indem die angenehmen Seiten der Kultur; hingegen rot verfärbt sich mein Papierstreifen, wenn ich auf Türen stoße, welche mir nicht sofort Einlass gewähren. Hier ist das Maß an Überforderung zum Teil unerträglich groß, das Werk wirkt sperrig, sträubt sich gegen ein Verständnis. Warum? Ich kann die Kreation nicht erfassen, es gibt kaum Anknüpfungspunkte an meinen Erlebnishorizont, die Leinwand ist an dieser Stelle weiß. Jetzt bin ich in meiner Funktion als Kulturrezipient gefordert und es ist nicht meine Kompetenz, welche hier abgefragt wird, sondern einzig und allein, ob ich den Verständniswille aufbringe und mit der Welt des Erzeugers Kontakt aufnehme, welche hinter einer noch unüberschrittenen Hügellinie liegt.

Die Gemengelage des aktuellen Unterhaltungskinos, um auf unser eigentliches Thema einzuschwenken, lässt mich zurückschrecken, ob der Tatsache, dass mit Budgets im dreistelligen Millionenbereich das banale, beliebige und permanent unterfordernde selbst auf der einfachsten Verständnisebene des Menschen, der visuellen, breiten Einzug erhalten hat. Dagegen muss man nicht weiter Sturm rennen, klingelt doch in den Kassen das Geld derer, welche nach getaner Arbeit ihr Übriges dorthin tragen, um sich von der Bildgewalt der Leinwand mitreißen zu lassen. Die Heere marschieren auf, die Planeten fliegen an uns vorüber, fantastische Städte und Reiche von bisher ungeahntem Detailreichtum erstehen vor uns, Material, so weit das Auge reicht. Aber schon wenn Personen und Charaktere gezeichnet werden sollen, wird selbiges dünn und Stereotypen werden bedient. Die Schauspieler erleiden das gleiche Schicksal, ihr Material, Sprache und Gestus, wird eingedampft auf Einstellungen mit vielleicht bildhauerischem Mehrwert, Nahaufnahmen, bei denen die gereifteste darstellerische Leistung ein nachdenkliches Runzeln von Augenbrauen sei, Dialoge verkommen zu Schlagwortverzeichnissen.

Lass uns für einen kurzen Moment den schon genannten „Herr der Ringe“ und seinen Nachfolger „Der Hobbit“ hinzunehmen. Von den leisen Tönen der Vorlage ist fast nichts erhalten geblieben, Martialis und Pathos, ist, was sich auf die Leinwand retten konnte und beim nachfolgenden Werk meinte man, dieses Erfolgskonzept noch ein wenig ausdehnen zu können und griff ohne Achtung vor dem Gesamtwerk Tolkiens in die ursprüngliche Geschichte, welche nur für ein relativ dünnes Buch gereicht hatte, ein. Das Ergebnis war eine Kaskade dessen, was sich schon im Vorgänger angedeutet hatte. Eine Aneinanderreihung geistloser Materialschlachten, eine fade Welt, welche sich eben nicht nur durch ein paar heimliche, in Grashügel gegrabene Gartenlauben und überschwengliche Kamerafahrten durch National Geographics schönste Berglandschaften erklären lässt, dazu plumpe Puppentheatercharaktere. War der Herr der Ringe zumindest filmtechnisch noch etwas Ungesehenes, so zeigte sich im Hobbit die ganze Fahlheit des Konzepts Fantasyfilm. Doch als das visuell Unerhörte den Zauber der ersten Stunde verloren hatte, schlug die dürftige Bearbeitung des Stoffes durch und erfuhr ihre völlig gerechtfertigte Bepreisung. Toller Ton, tolle Kostüme, tolle Kulisse, tolle Musik und die Effekte! Schauspielerische Leistung, Drehbuch, Regie? Dieses traurige Resümé lässt sich leider bis heute bei vielen großen Kinoproduktionen ziehen und übertragen in andere Sparten der Filmkunst. Glücklicherweise finden sich in den Programmkinos wohltuende Ausbrüche, im Fernsehen und da besonders im Seriengeschäft ist hingegen mit längeren Wartezeiten auf seismisch Signifikantes zu rechnen. Mit „Fargo“ ist seit dem letzten Ausbruch wieder etwas Zeit vergangen, aber es lässt die Hoffnung nicht vollständig ersticken.

Ich muss noch einmal betonen, dass ich mich hier nur auf die lakmusgetesteten Basen beziehe, rotgefärbte Überforderung auf der Leinwand, und dabei meine ich nicht die des Nervenkostüms oder des Magenbereichs im Metzgerfach der Filmkunst, ist mir zuletzt im deutschen Autorenkino begegnet, viele Sachen davon sind aber in die Jahre gekommen. Dabei bewundere ich immer wieder mit welchem Mut und rigeroser Ablehnung jeglicher Anbiederung an Verkaufszahlen oder Publikumsgeschmäcker besonders in den Jahrzehnten vor der Jahrhundertwende manche Filmemacher zu Werke gegangen sind. Da wird permanent von der Leinwand herab eingefordert, die Besetzung des Kinostuhls will genauso hart verdient sein, wie die Hervorbringung dessen, was schließlich unsere Netzhaut berührt und das Werk bleibt unvollständig, wenn nicht auf beiden Seiten fleißig zugearbeitet wird. Das braucht man zugegebenermaßen nicht, wenn man gerade aus einer 40-Stunden-Woche kommt und die Seele von der Sesselkante baumeln lassen möchte, aber im richtigen Maß können solche Filme das eigene Fühlen und Denken in gesunde Wallungen versetzen und die Stunde, da der geistige Rollator hinzugezogen werden muss, hinauszögern.

Eine Orientierung auf der Messlatte nach unten, du deutetest es bereits an, ist ohnehin obsolet, Horizonte lassen sich nur erweitern oder werden zugebaut. Zugegeben, Kurzsichtigkeit ist leider nicht nur ein Augenleiden, aber durch Distanzverringerung ebenso zu beheben, wie durch eine Sehhilfe.

Mit diesem kryptischen Gefasel möchte ich diesen Beitrag zu unserer Debatte beschließen und sehe deiner Dreingabe mit Spannung entgegen.

Im Übrigen ist die ausgedehnte Antwortzeit meinerseits mit zwei lästigen, gleichzeitig sich meines wenig wehrhaften Fleisches bemächtigenden Krankheiten, nun im Ausklang begriffen, zu begründen. Deiner Nachsicht sicher, grüße ich dich allerherzlichst.

Dein Albrecht 

Die Anstrengungen der letzten Tage

5.45: tanz der elstern, herbst, krähen, rauschen der arbeitswilligen, erst wie wellen, ohr besser, schmerzen linke achsel, rechts weg, band mit philipp, komposition, robert, solo addi, umtriebigkeit, arm dehnen, how deep is your love, zwei duos, straßenmusik, anknüpfen, Menschen, publikum, Möglichkeiten aufzeigen, schwellung achsel zugenommen, bruder, krankheit, krebs, stephis vater, lymphdrüsen, tod, schuld, fussball, hoden, angst, reisen

8.45: hundebesitzer, autos parken, diesmal dicht, soll ich ihr schreiben, halbwertszeit einer liebelei, aufgestanden

10.00: vom Schwimmen wiedergekommen, flüssiges Metall, viermal über den See

aus Reise ohne Wiederkehr

Lieber Andreas,

es freut mich auch von dir zu lesen. Zur Beantwortung deiner Frage kann ich nur auf den Umstand verweisen, dass ich mich an einem bestimmten Punkt in der Vergangenheit einem Medium zugewendet, welches ich davor sträflich vernachlässigt hatte. Dir wird einleuchtend, dass es sich hierbei nur um nichts geringeres als die Literatur handeln kann und ich meine jene in ihrer verdienstvollsten Form.
Lange Zeit versuchte ich mich schon daran „Bücher zu lesen“, was auf den ersten Blick, vorallem im breiten Konsens der Massenkultur, keine Unterschiede zu implizieren scheint, bei eingehender Beschäftigung doch aber derer erhebliche und vorallem fundamentale aufweist. So bin ich dann auch nie so recht warm geworden mit der aktuellen Belletristik, hat sie sich, und der Buchmarkt bestätigt diese These in vollem Umfang, doch in weiten Teilen zum schriftlichen Pendant dessen entwickelt, was wir heute Film und Fernsehen nennen. Eine ständige Befruchtung untereinander führt ja mittlerweile zu inzestoiden Zuständen, was die Verquickung dieser beiden Mediengattungen angeht; Bücher zu Serien, Filme zu Büchern usw..
Daher hat sich bei mir für beide eine gewisse Ernüchterung eingestellt, welche sich zuallererst aus der permanenten inhaltlichen  Unterforderung nährt. Wesentliche Denk- und Imaginierungsprozesse werden überflüssig, da auf allen Erzählebenen, welche in ihrer Fülle die Komplexität eines literarischen oder filmischen Werkes ausmachen, geistiges Elfmeterschießen der durchgehende Tenor ist. Um bei den Metaphern und eben gerade dieser zu bleiben, Fußball in seiner strategischen und handwerklichen Leistung macht sich da schon aus wie ein Wendersfilm gegen Game Of Thrones und hätte sich meine volle Aufmerksamkeit verdient, wäre nicht der Spannungsverlauf häufig retrograd zu dem eines handelsüblichen Blockbusters.
Was übrig blieb, war die Hinwendung zur sogenannten „Weltliteratur“, was nicht unschwierig sein kann, da es zunächst eine geschmackliche Auswahl zu treffen galt. Der Zufall stieß mich auf eine Person, deren inneres Geflecht aus Leidenschaften, Interessen und Ästhetik mit dem meinen eine erhebliche Schnittmenge aufwies. Zunächst an den Ergüssen dieses Autors ein wenig abgearbeitet, entdeckte ich schnell die nötigen Querverweise und Rückverbindungen in die „große“ Literatur und seitdem ist der Eros das windgeblähte Segel und die Neugierde der Kompass, welche auf der Fahrt in die weißen Flecken meiner kulturellen Landkarte, auf der ich manches Mal vor Anker gehe, dann und wann mit elektronischen Tintenkleksen dürftiger Leistungen aus eigener Feder die Weltmeere verunreinige, mir Antrieb und Richtung geben.
„Herr der Ringe“ habe ich schon lange nicht mehr gesehen.

Ein herzlicher Gruß
Albrecht

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Wieder und wieder

versuche ich sie hervorzuholen.
Eigentlich ohne Absicht berührte die Spitze meines Daumens, ich hatte die Hand auf den Sitz meines Fahrrads gelegt, um es gegen die unruhige Fahrt der Straßenbahn zu stabilisieren, ihren Handrücken. Ihre lag da, um sich festzuhalten. Sie wurde nicht zurückgezogen. Das Gefühl breitete sich von den Haarwurzeln meiner Arme aus, die Brust hinauf, floss mir übers Gesicht und auf die Kopfhaut. In dieser kaum nennenswerten Berührung kulminierte das Spiel unserer Augen, welches mal einladend, mal verschämt, mal insistierend gewesen, vom Moment an, da ich mich zu ihr gesetzt hatte. Müdigkeit und Alkohol hatten unserer stillen Übereinkunft keinen Abbruch getan. Erfüllung, als sie ihre zarten Finger fast unmerklich unter meine schob. Wir sahen uns nicht an und aus den Fingern wurde eine Hand und daraus ein Arm; Härchen, darunter Haut, darunter Knochen und ich spürte den sanften Bogen von Elle und Speiche.
Die Freundin ging zu einer der vorderen Türen, ich habe nie erfahren, ob sie wirklich nur nach dem Anschluss sehen wollte, unsere Blicke begegnen sich in Verfolgung der Person.

„Wie lange noch?“

„Eine Linkskurve.“

„Schade.“

„Ja, sehr.“

Unsere Gesichter nähern sich am Eingang der Kurve.

Weiche Wärme, Feuchtigkeit, Bewegungen, zögerlich hervordrängend, zärtlich umspielend, Haut, die kaum eine ist, weil sie nichts schützt, nur spürt.
Die Innenseite eines Menschen.
Ihre Wangenknochen, streiche mit der Hand darüber.

Ausgang der Kurve. Lange Haltestelle. Die Bahn steht. Wir müssen raus.

Der Anschluss wartet nicht. Die Freundin auch.

Gehen nebeneinander her, ich umfasse ihre Taille, sie ist schon etwas kesser.
Ihr schlanker Körper entflammt mich.

Wir küssen uns ein letztes Mal, sie rennt davon, ihrer Freundin hinterher.

Berlin, Südkreuz, 14 Uhr

aus Reise ohne Wiederkehr
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Ein Kind steht,

hält die Stäbe seines Gatters fest. Nicht um sich freizubrechen, als Stütze um den Blickwinkel zu wechseln. Alles Sichtbare verjüngt sich, links ein Schrank oder etwas aus Holz, irgendwo ist auch Rot, eine dünne Decke. Der Saum ist umgeschlagen und vernäht, eine Mischung aus orange und unweiß, seltene Ornamente. Das Zimmer ist in ein Licht gehüllt, was ich lang nicht mehr gesehen habe; etwas funzelig mit viel Gelbanteil.
Die Tür öffnet sich, dahinter Dunkel und zwei Personen betreten das Zimmer und mein Herzschlag beschleunigt sich auf der Stelle. Es ist Freude. Ein großer, nicht zu schlanker Mann, eine schlanke Frau mit langen, braunen Haaren, welche ihr glatt über den Rücken fallen, er hat eine Gitarre umgehangen. Nicht ganz nah beginnt er zu spielen, Tonika, Dominante, weicher Klang, ihre Stimme klingt dazu. Wie eine der Saiten, leicht, eine der durchsichtigen. Sie beugt sich zu mir herunter.

„Schlaf Kindlein, schlaf; der Vater hüt‘ die Schaf. Die Mutter schüttelt’s Bäumelein, da fällt herab ein Träumelein. Schlaf Kindlein, schlaf. Schlaf Kindlein, schlaf.“

Einmal erzählte mir eine ältere Dame im Zug vom Leben ohne ihren vor Jahren verstorbenen Mann. Sie reiste nun auf den Spuren ihrer Vorfahren und der eigenen Kindheit, Vertriebene im Krieg.
Benutzte im Ausklingen unseres Gesprächs, welches durch ihre Station beendet sein wird, eine für mich merkwürdige Formulierung. „Schöne Zeit.“ Ihre Kindheit, frühe Jugend.

„Das war schöne Zeit.“

Ich sehe es direkt vor mir. Geruch von Polstermöbeln, Holzschränken; Bücher riechen so, wenn sich ihre Seiten verfärben, auch der Klang einer Gitarre und dieses Licht.

Jeder Schmerz hatte da noch keinen Anfang. Man hätte sterben können, doch

Das war schöne Zeit.
aus Reise ohne Wiederkehr

Die Auslage,

übervoll vor der beginnenden Woche, sprang mich an und ich hatte Mühe auszuweichen. Kurz nach Öffnung waren der Bäcker und das nach Rorschach angelegte Bistro schon fast bis auf den letzten Platz besetzt. Ein Kollege an der Theke, das Obligat des stummen Nickens, welches an so übersichtlichen Studieneinrichtungen wie der unseren nicht beiläufig, sondern chronisch, an eine spastische Zwangshandlung erinnernd, sich zwischen uns, aufgrund näherer Bekanntschaft, allerdings mit Verschmitzheit gewürzt, vollzieht.

Wieder muss ich feststellen, dass es mir unmöglich ist, etwas halbwegs verständliches zu Wege zu bringen, wenn sich eine Gruppe von Personen, diesmal Asiaten, in ein Zugabteil begeben.

Zunächst muss der Raum mit erhöhter Sprachlautstärke ausgeschallt werden, Fledermäusen gleich, bevor man sich darin verortet hat und fehlerfreie Navigation möglich ist. Andere Vertreter sind ausschließlich auf Sicht zur Bewegung fähig, welche letzterer aber immer vorangestellt sein muss. Somit kommt es zu einer deutlichen Latenz bei Gewahrwerden der neuen räumlichen Situation, 50 Zentimeter nach Türeintritt. Dahinter werden Auren unschön bis zum letzten Chakra aufgestaucht.

Die asiatische Gruppe ruht im Kofferbaldachin vor sich hin, die Dualität Nünchritz zieht vorüber. Es ist unmöglich den Kopf nur zu einer Seite zu richten, zu einnehmend diese Laune städtebaulicher Natur. Dazu noch – wie gern schaue ich in ein schlafendes Gesicht, auch hier Nünchritzer Verhältnisse. Auf Kissen gebettet, ein Augenschmauß, fast endlos erscheinendes Vergnügen in den Zügen des anderen zu flanieren, auf der Haut spazieren gehen, auf einer Wimper Beine baumelnd sitzen, sich im Mundwinkel oder einer Lippenfalte wohlig einzunisten. Hingegen in den Zügen dieser Welt, ausgenommen durch zentralasiatische Horizonte donnernde, russische Schlafwagen, welche sich übrigens hervorragend für ein Melonenfrühstück eignen, ein ins Gegenteil verkehrte Bild. Aufgrund mangelnder Sitzergonomie kleinlicher Platzeinsparungen, rutschen die Schultern der Platzgenommenen im Schlummer nach vorn unten, der Kopf kippt nach hinten, bis er Halt an einer lotrechten, mäßig gepolsterten Ebene findet und selbst die schönsten Schwanenhälsen unserer Nation werden durch die Nackenverhärtung in unansehnliche Breite gedrückt, Kehlköpfe und Adamsäpfel ungehemmt entblößt. Das Gesicht, analog dazu, entgleitet in der unteren Hälfte in höchst unansehnliche Erschlaffung der Mund- und Kinnpartie. Während Ober- und Unterlippe, einem Sterbenden gleich, welcher letzte Worte herauswürgt, aneinander vorbeischmieren und dabei Zahnreihen in unterschiedlichster Anatomie freilegen, flieht die Stirn, Augenbrauen im Schlepptau, in Richtung Haarkante. Zu guter Letzt schlingert diese Komposition von Ungünstigkeiten durch die eine Zugfahrt begleitenden Schwingungen leicht hin und her, rollt bei Gleiswechsel durch mangelnden Seitenhalt des Schädels auf der Ebene derb von einer Seite auf die andere und zurück. Das Ergebnis sind jeglicher Liebenswürdigkeit beraubte Gestalten, innig Geliebte werden zu Wiedergängern.

In Leipzig angekommen probt die Reiterstaffel den Aufstand oder besser seine Niederreitung und trabt trostlos am Straßenrand entlang. Ich muss an Ola Norweger denken, wie sein Schädel knackt als Napoléons Gaul eisenbeschlagenen Hufes aus Versehen drauftritt.

aus Reise ohne Wiederkehr

Rampen ragen

aus dem Wasser. Unwirklich gleitet ein halber Schwan vorüber, schneidet das schlierige Licht der Treppenhäuser, verschwindet hinterm Schilf am Bildrand. Er kehrt zurück, nur um sich zu vergewissern, dass ich da noch sitze.
Stimmen, Streit, dumpfes Gedröhne, entfernt. Ganz nah das Gekehle der Frösche. Schafe unterhalten sich ja wenigstens, aber diese hier stimmen nur gemeinsam ihre schmutzigen Lieder an, mir zum Verdruss. Das Blesshuhn geht mit der Blasrolle dazwischen, abrupte Stille in der Feierlaune. Treibt im Halbdunkel vorbei, das Partyhütchen zurecht gerückt und Cocktailschirmchen aufgespannt. Die Luftrüsseltröte ertönt kein zweites Mal. Keine Geburtstagsrede? Nicht mal ein Schwank aus deiner beflügelten Jugend in der Kiesgrube Leuben? Stattdessen überlässt sie einfach den Orgiasten, welche da drüben im trüben Ufermorast korpulieren, das Feld. Es ist mir schon ein wenig nach Gesellschaft, aber nicht nach dieser. Glitschiges Angebiedere, und schon heben sie erneut an, elendige Sünder, dreimal verdammte.
Klatschen ist zu hören und das Heulen und Donnern vom anderen Ufer. Meine Linie.

aus Reise ohne Wiederkehr