Heute, im Jahre 1797, im Alter 

von zweiundsiebzig Jahren, da ich sagen kann, ‚vixi‘ (ich habe gelebt), obwohl ich noch atme, wüßte ich mir keinen angenehmeren Zeitvertreib, als mich mit meinen eigenen Erlebnissen zu unterhalten und der freundlichen Gesellschaft, die mir nun zuhört, die mir früher stets Beweise ihrer Gewogenheit geschenkt hat und in der ich immer zu Hause war, einen würdigen Stoff zum Lachen zu geben. Um gut zu schreiben, genügt mir die Vorstellung, daß diese Gesellschaft mein Buch lesen wird. ‚Quaecumque dixi, si placuerint, dictavit auditor‘. (Was ich auch immer gesagt habe, ob es gefällt, entscheidet der Zuhörer.) Was die Unberufenen angeht, denen ich es nicht verwehren kann, mich zu lesen, so genügt mir die Gewißheit, daß ich nicht für sie geschrieben habe.

aus Geschichte meines Lebens, Giacomo Casanova

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„Wenn du nichts vollbracht hast,

was das Aufschreiben lohnt, so schreibe wenigstens etwas, das wert ist gelesen zu werden.“ Diese Vorschrift ist so schön wie ein in England geschliffener Diamant reinsten Wassers, aber sie betrifft mich nicht, weil ich weder die Geschichte eines berühmten Mannes noch einen Roman schreibe. Ob wert oder unwert, mein Leben ist mein Stoff, und mein Stoff ist mein Leben. Da ich es gelebt habe, ohne je daran zu denken, mich könnte einmal die Lust packen, es aufzuzeichnen, mag es ein gewisses Interesse besitzen; das aber hätte es wohl kaum, wenn ich mein Leben in der Absicht geführt hätte, es in meinen alten Tagen niederzuschreiben und, was weit mehr ist, es auch noch zu veröffentlichen.

aus Geschichte meines Lebens, Giacomo Casanova

Trotz des Vorrates

an trefflicher Moral als natürlicher Frucht der in meinem Herzen eingewurzelten göttlichen Prinzipien, bin ich mein Leben lang ein Opfer meiner Sinne gewesen. Vom rechten Weg abzuweichen, machte mir Vergnügen, und ich habe fortwährend Fehler begangen; dabei hatte ich keinen anderen Trost als den, genau zu wissen, daß ich im Irrtum befangen war. Aus diesem Grunde hoffe ich, lieber Leser, daß du, weit davon entfernt in meiner Geschichte schamlose Prahlerei zu entdecken, darin solche Züge findest, die einer Generalbeichte zustehen, obschon du im Stil meiner Berichte weder  das Gehabe eines Büßers noch das Schuldgefühl eines Menschen finden wirst, der errötend über seine losen Streiche Rechenschaft ablegt. Das sind Jugendtorheiten. Du wirst sehen, daß ich darüber lache, und wenn du wohl gesonnen bist, wirst du mit mir lachen.

aus Geschichte meines Lebens, Giacomo Casanova