Der alte König erhob sich

und richtete sich stramm auf wie ein junger Mann: „Erkläre mir das, Olivier, erkläre mir das! Und hüte deinen Kopf, Gevatter; denn ich schwöre dir bei den Heiligen Drei Königen, wenn du mich in dieser Stunde anlügst, dann macht dein Hals mit meinem Schwert Bekanntschaft. Es ist nicht schartig geworden, seit es den Herrn von Luxemburg traf.“
Der Schwur war fürchterlich. Ludwig der Elfte hatte in seinem Leben erst zweimal bei den Heiligen Drei Königen geschworen.

aus Notre-Dame von Paris, Victor Hugo

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„Hat man sich darum weniger lieb,

weil man kein Latein in der Bude eines Priesters geschluckt hat?“
Diese Worte sprach er im sanftesten Ton, dessen seine Stimme fähig war; er rückte der Zigeunerin immer näher und schlang seine Arme liebkosend um ihren feinen, geschmeidigen Leib; in seinen Augen brannte ein immer heißeres Feuer, und alle Zeichen sprachen dafür, daß Herr Phöbus einem jener Augenblicke nahe war, wo selbst Jupiter so viele Dummheiten begeht, daß dem guten Homer nichts anderes übrig bleibt, als eine Wolke zu Hilfe zu rufen.
Dom Claude aber sah alles.

aus Notre-Dame von Paris, Victor Hugo

Der Hauptmann

brach das Schweigen. „Auf Taille,“ sagte er in seinem dreisten, geckenhaften Ton, „eine charmante Kreatur! Meint Ihr nicht auch, schöne Base?“
Diese Bemerkung, die ein mit etwas mehr Zartgefühl begabter Bewunderer wenigstens leise gemacht hätte, war nicht geeignet, die weibliche Eifersucht, die gegen die Zigeunerin auf der Wacht stand, einzuschläfern.

aus Notre-Dame von Paris, Victor Hugo 

Der Spitzbogen,

der forthin alles beherrschte, hat der übrigen Kirche das Gepräge gegeben. Aber er war noch schüchtern und unerfahren; er dehnte sich noch in die Breite, hielt sich zurück und wagte es noch nicht, in Kreuzblumen und Fialen aufwärts zu streben, wie er es später bei so vielen herrlichen Domen getan hat. Er scheint die Nähe der schweren romanischen Pfeiler empfunden zu haben.

aus Notre-Dame von Paris, Victor Hugo

Da war eine Art

falscher Soldat, ein Stabuler, wie man auf rotwelsch sagte, der trällernd den Verband von seiner falschen Wunde löste und sein gesundes, kräftiges Knie von den unzähligen Binden befreite, mit denen er es morgens umpanzert hatte. Sein Widerspiel war ein sogenannter Seffer, der mit Schellkraut und Ochsenblut sein krankes Bein für den nächsten Tag herrichtete. Zwei Tische weiter haspelte ein Schlepper im Pilgerkleide seine Gebete ab und vergaß weder zu psalmodieren noch zu näseln. Ein junger Vopper nahm Unterricht in der Fallsucht und ließ sich von einem alten Vazenheuer zeigen, wie man Schaum vorm Munde erzeugt, indem man ein Stück Seife kaut. Daneben machte sich ein Wassersüchtiger dünn,… 

aus Notre-Dame von Paris, Victor Hugo

Die Wirklichkeit

tagte um ihn her; er stieß sich mit den Blicken, mit den Füßen an ihr; sie zerstörte eines nach dem andern die fürchterlichen Zaubergebilde, von denen er sich anfangs umgeben geglaubt hatte. Er wurde sich klar, daß er nicht im Styx, sondern in irdischem Schmutze watete, daß er nicht von bösen Geistern, sondern von Dieben bedrängt wurde, daß nicht seine Seele, sondern sein Leben auf dem Spiel stand; denn ihm fehlte der köstliche Mittler, der den Räuber so nachdrücklich mit dem ehrlichen Mann versöhnt: die Börse.

aus Notre-Dame von Paris, Victor Hugo

Wo der flackernde Schein des Feuers

sich auf dem Boden mit großen unbestimmten Schatten mengte, da huschte ab und zu über die Helligkeit ein Hund, der einem Menschen nicht unähnlich war, oder ein Mensch, der einem Hunde glich. Die Grenzen zwischen den Rassen und Arten schienen sich an dieser Stätte zu verwischen wie in einem Pandämonium. Männer, Frauen und Tiere, alle Lebensalter und Geschlechter, Gesundheit und Krankheit, alles mischte sich, alles schien diesem Volke gemeinsam. Jeder hatte Anteil an allem.

aus Notre-Dame von Paris, Victor Hugo